An diesem Morgen begann in der Sternwarte alles mit einem Frühstück, das eigentlich völlig harmlos aussah. Astromaus hatte frische Brötchen auf den Tisch gestellt, Lou hatte Kakao bekommen, und mitten zwischen Butter, Käse und einer Schale mit Obst stand ein Glas Erdbeermarmelade, das Astromaus besonders mochte. Weil der Himmel am Vorabend bewölkt gewesen war, hatten beide beschlossen, den Vormittag zu nutzen, um das Teleskop zu kontrollieren, die Sternkarten zu ordnen und einige Aufzeichnungen nachzutragen. Es war also ein ruhiger Tag vorgesehen, an dem weder ein Raumschiff gesteuert noch ein Mond geweckt noch irgendein Kakao von einer Sternkarte entfernt werden musste.
Zumindest war das der Plan.
Lou hatte schon beim Frühstück bemerkt, dass Astromaus ungewöhnlich viel Marmelade auf ihr Brötchen gestrichen hatte. Für seinen Geschmack war die Menge so groß, dass man das Brötchen darunter fast nicht mehr erkennen konnte, aber er hielt es für klüger, dazu nichts zu sagen. Schließlich hatte Astromaus beim letzten Mal sehr deutlich erklärt, dass es Dinge gab, über die man nicht diskutieren müsse, und die richtige Menge Marmelade gehörte offenbar dazu.
Nach dem Frühstück räumten sie gemeinsam ab. Lou trug die Tassen in die kleine Küche, Astromaus brachte Teller und Besteck weg und verschwand anschließend direkt in Richtung Beobachtungsraum. Auf dem Tisch blieb nur das Marmeladenglas zurück, daneben ein Messer und ein winziger roter Fleck, den niemand bemerkte.
Genau dieser kleine Fleck würde wenige Minuten später beinahe zu einer astronomischen Sensation führen.
Astromaus öffnete die Kuppel der Sternwarte ein Stück, damit frische Luft hereinkam, und begann, das Teleskop für eine Kontrolle vorzubereiten. Auch am Tag konnte man bestimmte Dinge überprüfen, und Astromaus liebte es, ihre Geräte in Ordnung zu halten. Lou sortierte währenddessen einige Okulare in die Zubehörkiste und war erstaunlich zufrieden mit sich, weil diesmal tatsächlich jedes Teil dort lag, wo es hingehörte.
Astromaus befestigte ein Okular, richtete das Teleskop auf einen weit entfernten Punkt am Horizont und sah hindurch. Zunächst wirkte alles normal. Die Konturen waren scharf, die Einstellung stimmte, und Astromaus wollte das Okular schon wieder wechseln, als ihr etwas auffiel.
Mitten im Bild war ein rötlicher Fleck zu sehen.
Nicht groß, aber deutlich.
Astromaus blinzelte und sah noch einmal hindurch.
Der Fleck war noch da.
Sie stellte die Schärfe nach. Der Fleck blieb.
Sie bewegte das Teleskop ein Stück nach links. Der Fleck wanderte nicht mit dem Horizont, sondern blieb scheinbar an derselben Stelle im Bild.
Das war interessant.
Sehr interessant.
Astromaus richtete das Teleskop nun auf einen anderen Punkt und sah erneut hindurch. Wieder erschien derselbe rötliche Fleck. Rund, leicht unregelmäßig und mit einem etwas dunkleren Rand.
In Astromaus‘ Kopf begann es sofort zu arbeiten.
Vielleicht war etwas mit dem Okular nicht in Ordnung. Vielleicht war Staub auf der Optik. Vielleicht hatte sich Feuchtigkeit gesammelt.
Oder vielleicht war da tatsächlich etwas.
Diese letzte Möglichkeit gefiel ihr natürlich am besten.
Astromaus holte ihr Notizbuch und begann, den Fleck zu beschreiben. Farbe, Form, Position, scheinbare Größe. Je länger sie ihn ansah, desto ungewöhnlicher kam er ihr vor. Im Gegenlicht wirkte er sogar fast ein wenig leuchtend. Vielleicht war es irgendein Himmelsobjekt, das sie bisher übersehen hatten. Ein besonders roter Stern vielleicht, eine kleine Nebelstruktur oder etwas ganz anderes.
Lou kam zurück in den Beobachtungsraum und fand Astromaus in einer Haltung vor, die er gut kannte. Sie saß vollkommen konzentriert am Teleskop, hatte das Notizbuch geöffnet und schrieb so schnell, dass der Stift beinahe über das Papier hüpfte.
Er stellte die Zubehörkiste ab und fragte, was sie entdeckt habe.
Astromaus erklärte ihm aufgeregt, dass sich im Sichtfeld ein bisher unbekannter roter Fleck befinde, der selbst dann an derselben Stelle bleibe, wenn sie das Teleskop bewege. Für sie war das ein starkes Zeichen dafür, dass es sich um etwas Besonderes handeln musste.
Lou fand die Beschreibung spannend und wollte natürlich sofort selbst sehen.
Astromaus machte ihm Platz.
Lou beugte sich zum Okular.
Er sah hindurch.
Dann blieb er still.
Das war bei Lou immer ein verdächtiges Zeichen.
Astromaus wartete gespannt darauf, dass er etwas sagte. Vielleicht würde er bestätigen, dass der Fleck ungewöhnlich war. Vielleicht würde er sogar erkennen, was sie da entdeckt hatten.
Lou hob langsam den Kopf.
Er sah Astromaus an.
Dann wieder zum Teleskop.
Dann noch einmal zu Astromaus.
Schließlich erklärte er sehr vorsichtig, dass der neue Himmelskörper ein bisschen nach Erdbeermarmelade aussehe.
Astromaus war sofort empört. Natürlich konnte ein unbekannter Himmelskörper zufällig eine ähnliche Farbe haben wie Erdbeermarmelade. Das war überhaupt kein Beweis.
Lou nickte, aber sein Blick wanderte dabei zu Astromaus‘ rechter Pfote.
Dort klebte ein winziger roter Rest.
Astromaus bemerkte seinen Blick und sah selbst hinunter.
Sie wischte die Pfote schnell an einem Tuch ab.
Dann sah sie wieder zum Teleskop.
Nun wurde auch sie misstrauisch.
Gemeinsam untersuchten sie das Okular.
Auf den ersten Blick sah es sauber aus. Astromaus hielt es gegen das Licht, drehte es vorsichtig und konnte nichts Auffälliges erkennen. Dann nahm Lou eine kleine Lampe und leuchtete von der Seite darüber.
Und da war er.
Ein winziger roter Schmierfleck am Rand des Okulars.
Astromaus starrte ihn an.
Lou ebenfalls.
Der Fleck sah verdächtig bekannt aus.
Sehr bekannt sogar.
Astromaus erinnerte sich langsam daran, wie sie kurz nach dem Frühstück das Okular eingesetzt hatte. Dabei hatte sie es mit genau der Hand angefasst, an der eben noch ein Marmeladenrest geklebt hatte.
Die große astronomische Entdeckung schrumpfte innerhalb weniger Sekunden von einem unbekannten Himmelsobjekt zu einem Frühstücksunfall.
Lou versuchte ernst zu bleiben.
Astromaus ebenfalls.
Beide schafften es ungefähr drei Sekunden.
Dann fing Lou an zu lachen.
Astromaus zuerst nicht.
Sie hatte bereits eine halbe Seite Notizen über den angeblichen neuen Himmelskörper geschrieben.
Lou musste noch mehr lachen, als er das bemerkte.
Astromaus hielt das Notizbuch demonstrativ zu.
Lou versuchte sich zu beruhigen, schaffte es aber nur mäßig. Besonders die Vorstellung gefiel ihm, dass Astromaus gerade beinahe eine Erdbeermarmelade als neues Objekt im Universum katalogisiert hätte.
Astromaus fand das weniger komisch.
Zumindest zunächst.
Sie nahm das Okular vorsichtig heraus und reinigte es fachgerecht mit einem geeigneten Tuch. Danach setzte sie es wieder ein und sah erneut hindurch.
Der rote Fleck war verschwunden.
Damit war der Fall eigentlich geklärt.
Für Lou allerdings noch lange nicht.
Er setzte sich neben das Teleskop und begann, über einen passenden Namen für die nicht ganz echte Entdeckung nachzudenken. Ihm gefiel „Marmeladia“ besonders gut. Astromaus hielt „Marmeladia“ für einen völlig ungeeigneten Namen, was Lou wiederum als Zeichen verstand, dass er wahrscheinlich perfekt war.
Also schrieb er auf einen kleinen Zettel: „Marmeladia – entdeckt um 10:17 Uhr, verschwunden um 10:26 Uhr.“
Astromaus sah den Zettel und musste nun doch lachen.
Lou ergänzte darunter noch: „Vermutete Zusammensetzung: Erdbeere.“
Damit war es endgültig vorbei.
Astromaus setzte sich auf den Stuhl neben ihm und lachte so sehr, dass sie das Notizbuch auf den Schoß legen musste. Je länger sie darüber nachdachte, desto lustiger wurde die Sache. Vor allem, weil sie für einige Minuten tatsächlich vollkommen überzeugt gewesen war, etwas Besonderes entdeckt zu haben.
Als das Lachen nachließ, nahm Astromaus ihr Notizbuch wieder zur Hand. Sie strich ihre ursprüngliche Überschrift durch und schrieb stattdessen: „Artefakt durch Verschmutzung am Okular.“
Lou betrachtete die neue Formulierung und fand sie sehr langweilig.
Astromaus erklärte ihm, dass Wissenschaft manchmal genau daraus bestand, herauszufinden, warum etwas so aussah, wie es aussah. Nicht jede ungewöhnliche Beobachtung war automatisch eine neue Entdeckung. Man musste prüfen, wiederholen, vergleichen und auch untersuchen, ob das Messgerät selbst die Ursache war.
Lou nickte und fand, dass das ein wichtiger Punkt war.
Dann zeigte er auf den Zettel mit Marmeladia.
Den wollte er trotzdem behalten.
Astromaus war einverstanden.
Später beschlossen sie, aus der kleinen Panne etwas Nützliches zu machen. Gemeinsam legten sie eine kurze Kontrollliste für Beobachtungen an. Vor jeder ernsthaften Beobachtung sollten künftig Okular, Linse und Teleskop auf Verschmutzungen kontrolliert werden. Außerdem sollte nach dem Frühstück grundsätzlich niemand mit klebrigen Pfoten an die Optik gehen.
Lou fand, dass dieser letzte Punkt auffällig stark nach Astromaus klang.
Astromaus wiederum erinnerte ihn daran, dass auch er schon Kekskrümel in einer Zubehörkiste gefunden hatte.
Damit war die Diskussion beendet.
Am Nachmittag war der Himmel weiterhin klar, und Astromaus wollte die Gelegenheit nutzen, ein paar reale Beobachtungen vorzubereiten. Bevor sie das Teleskop erneut verwendete, kontrollierte sie das Okular besonders sorgfältig. Lou stand daneben und beobachtete sie mit einem Grinsen.
Astromaus sah ihn an.
Lou sagte nichts.
Das Grinsen reichte völlig.
Am nächsten Morgen wiederholte sich das Frühstück fast genauso wie am Tag zuvor. Brötchen, Kakao, Obst und natürlich das Marmeladenglas standen wieder auf dem Tisch.
Astromaus strich diesmal deutlich weniger Marmelade auf ihr Brötchen.
Lou bemerkte es sofort.
Er kommentierte es nicht.
Das war fast verdächtiger als ein Kommentar.
Astromaus sah zu ihm herüber und erklärte, dass sie heute einfach weniger Lust auf Marmelade habe.
Lou nickte ganz ernst.
Dann schob er ihr wortlos ein kleines Reinigungstuch über den Tisch.
Astromaus musste lachen.
Von diesem Tag an hing in der Sternwarte ein kleiner Zettel direkt neben der Zubehörkiste. Darauf stand in Astromaus‘ Handschrift:
„Vor dem Beobachten: Optik prüfen.“
Darunter hatte Lou etwas ergänzt:
„Und Marmelade vorher essen.“
Astromaus ließ es stehen.
Denn auch wenn Marmeladia nie wirklich existiert hatte, war die Entdeckung trotzdem nützlich gewesen. Sie hatte Astromaus daran erinnert, wie wichtig es war, Beobachtungen zu hinterfragen, Geräte zu kontrollieren und nicht jede ungewöhnliche Erscheinung sofort für eine Sensation zu halten.
Lou zog daraus allerdings noch eine zweite Erkenntnis.
Wenn man beim Frühstück besonders vorsichtig war, konnte man sich eine Menge zusätzlicher Teleskopreinigung sparen.
Und Astromaus musste zugeben, dass auch das wissenschaftlich schwer zu widerlegen war.



