Weihnachtschaos in der Sternwarte

Astromaus & Lou – Weihnachtschaos in der Sternwarte

Oder: Der geheimnisvolle Fall der verschwundenen Saturnringe

Es war ein wunderschöner Dezembermorgen, und über der kleinen Sternwarte lag eine dünne, glitzernde Schneedecke. Die Bäume im Garten trugen weiße Mützen, an den Fenstern hatten sich wunderschöne Eisblumen gebildet, und der große Teleskopdom sah aus, als hätte jemand eine riesige Portion Puderzucker darübergestreut. In der Sternwarte selbst herrschte allerdings alles andere als die übliche vorweihnachtliche Ruhe. Dort hatte Astromaus nämlich beschlossen, dass dieses Jahr das schönste, außergewöhnlichste und astronomischste Weihnachtsfest aller Zeiten gefeiert werden sollte. Und wenn Astromaus sich erst einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, konnte selbst ein besonders hartnäckiger Asteroid sie nicht mehr davon abbringen.

Lou hatte zunächst nichts gegen diese Idee einzuwenden. Weihnachten mochte er schließlich genauso gern wie Astromaus. Er liebte die gemütlichen Lichter, den Duft frisch gebackener Plätzchen und vor allem die ruhigen Winterabende, an denen draußen die Sterne funkelten und drinnen ein warmes Plätzchen auf ihn wartete. Allerdings kannte Lou seine kleine Freundin mittlerweile gut genug, um zu wissen, dass ihre großartigen Pläne gelegentlich gewisse Schwierigkeiten mit sich brachten. Besonders dann, wenn Astromaus versuchte, drei Dinge gleichzeitig zu erledigen, während sie bereits über die nächsten fünf nachdachte.

Und tatsächlich hatte Astromaus an diesem Morgen nicht weniger als sieben verschiedene Weihnachtsvorhaben auf einen großen Zettel geschrieben. Ein Weihnachtsbaum musste geschmückt werden, die Sternwarte brauchte festliche Beleuchtung, Weihnachtskarten sollten gebastelt werden, Geschenke mussten verpackt werden, und natürlich durften selbst gebackene Plätzchen nicht fehlen. Besonders stolz war Astromaus auf ihren Plan, den Weihnachtsbaum ausschließlich mit Planeten zu schmücken. Keine gewöhnlichen roten oder goldenen Christbaumkugeln sollten an seinen Zweigen hängen, sondern die Sonne, Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun. Streng genommen gehörte die Sonne natürlich nicht zu den Planeten, sondern war ein Stern. Aber Weihnachten ohne einen strahlenden Stern wäre für Astromaus nun wirklich unvorstellbar gewesen.

Die größte Sorge bereitete Lou allerdings ein ganz anderer Punkt auf dem Zettel. Dort stand in besonders großen Buchstaben: ALLES MUSS PERFEKT WERDEN! Erfahrungsgemäß waren diese vier Wörter ein ziemlich zuverlässiger Hinweis darauf, dass schon bald irgendetwas gründlich schiefgehen würde.

Am Vormittag begann die große Weihnachtsaktion mit dem Aufstellen des Baumes. Astromaus hatte eine wunderschöne kleine Tanne ausgesucht, die genau neben das große Fenster der Sternwarte passen sollte. Durch dieses Fenster konnten die beiden nachts den Sternenhimmel beobachten, und tagsüber fiel dort das weiche Winterlicht herein. Der Baum war nicht besonders groß, aber wunderbar dicht gewachsen und roch herrlich nach Wald. Lou half seiner Freundin dabei, den schweren Baumständer aufzustellen, während Astromaus die Tanne vorsichtig hineinschob. Zumindest versuchte sie es vorsichtig. Beim ersten Anlauf stand der Baum schief, beim zweiten noch schiefer, und beim dritten sah es so aus, als würde er den Planeten Neptun am liebsten persönlich besuchen wollen.

Nach einer ganzen Weile hatten die beiden endlich eine einigermaßen aufrechte Position gefunden. Astromaus betrachtete ihr Werk zufrieden und begann sofort, die ersten Weihnachtskugeln auszupacken. Ganz oben sollte die goldene Sonne hängen, darunter kamen die kleineren Planeten und schließlich die großen Gasriesen. Besonders schön war die Saturnkugel geworden. Sie war hellgelb, hatte feine goldene Streifen und wurde von einem wunderschönen Ring aus glitzerndem Material umgeben. Astromaus hatte sich bei ihrer Gestaltung besonders viel Mühe gegeben, denn Saturn war schließlich einer der eindrucksvollsten Planeten unseres Sonnensystems. Seine berühmten Ringe bestehen aus unzähligen Eisstückchen, vermischt mit Staub und Gesteinsmaterial, und sehen aus großer Entfernung fast wie eine einzige glänzende Scheibe aus.

Leider hatte Astromaus bei ihrer Planung etwas Entscheidendes übersehen. Die selbst gebastelte Jupiterkugel war nämlich erheblich schwerer als alle anderen Kugeln. Und weil Jupiter auch im wirklichen Sonnensystem der größte Planet ist, hatte Astromaus beschlossen, ihn besonders groß zu gestalten. Kaum hing er an einem der äußeren Zweige, begann sich die gesamte Tanne bedenklich zur Seite zu neigen. Lou bemerkte die Gefahr gerade noch rechtzeitig und sprang mit ausgestreckten Pfoten vor den Baum. Einen Augenblick später lag er auf dem Rücken, hatte einen grünen Tannenzweig auf der Nase und sah aus, als wäre er gerade von einem ziemlich kleinen Wald überfallen worden.

Astromaus war entsetzt. Lou dagegen blieb erstaunlich gelassen, obwohl einige Tannennadeln zwischen seinen Ohren steckten. Gemeinsam richteten sie den Baum wieder auf und beschlossen, Jupiter diesmal etwas näher am Stamm aufzuhängen. Dabei erklärte Astromaus, dass große Planeten im Weltraum zwar eine gewaltige Anziehungskraft besitzen, auf ihrem Weihnachtsbaum aber ganz gewöhnlich ihr Gewicht und die Verteilung der Kugeln entscheidend waren. Das hatte Lou inzwischen ohnehin verstanden. Er war schließlich derjenige gewesen, der die Folgen unmittelbar zu spüren bekommen hatte.

Nachdem der Baum endlich sicher stand, widmete sich Astromaus ihrer nächsten großen Aufgabe. In der kleinen Küche neben dem Beobachtungsraum wollte sie Plätzchen backen, die genauso aussahen wie die Planeten. Schon am Vortag hatte sie verschiedene Ausstechformen vorbereitet, und auf dem Küchentisch warteten Mehl, Butter, Vanille und allerlei bunte Zutaten. Für Lou hatte sie sogar einen besonderen Teig aus Haferflocken und Apfel vorbereitet, den auch ihr vierbeiniger Freund vertragen konnte. Daraus sollten kleine Planetenplätzchen entstehen, die Lou später ganz offiziell probieren durfte. Eigentlich war also für alles gesorgt, und nichts hätte schiefgehen müssen.

Eigentlich.

Astromaus begann mit der Erde. Sie formte kleine runde Plätzchen und verzierte sie nach dem Backen mit blauen und grünen Flächen. Die Venus erhielt eine gelbliche Farbe, Mars wurde rötlich und Jupiter bekam mehrere Streifen. Besonders viel Mühe machte sie sich wieder mit Saturn. Für jeden Saturn formte sie einen kleinen runden Planeten und legte einen dünnen Teigring darum. Nach einigen Versuchen entstanden tatsächlich wunderschöne kleine Saturnplätzchen, deren Ringe beim Backen herrlich knusprig wurden. Lou saß währenddessen brav auf seinem Platz und beobachtete das Geschehen. Seine Nase arbeitete allerdings mit einer Geschwindigkeit, die selbst den Motor des großen Teleskops beeindruckt hätte.

Als die ersten Bleche fertig waren, erfüllte ein unwiderstehlicher Duft die gesamte Sternwarte. Astromaus stellte die Plätzchen zum Abkühlen auf den Tisch und begann, die nächsten vorzubereiten. Lou hatte inzwischen festgestellt, dass die kleinen Apfel-Hafer-Saturne einen ganz besonders angenehmen Geruch verströmten. Vor allem die knusprigen Ringe schienen ihm ausgesprochen interessant zu sein. Er betrachtete die kleinen Backwerke mit großer Aufmerksamkeit und stellte dabei vermutlich die wichtigste astronomische Frage seines bisherigen Lebens. Warum musste ein so köstlich duftender Planet eigentlich unbedingt Ringe besitzen, wenn diese doch viel besser in seinem Bauch aufgehoben wären?

Während Astromaus am anderen Ende der Küche nach einer Rolle Geschenkband suchte, geschah etwas höchst Geheimnisvolles. Ein leises Knuspern war zu hören, gefolgt von einem zufriedenen Schmatzen. Als Astromaus wenige Minuten später zurückkehrte, sah sie auf dem Backblech mehrere kleine, vollkommen runde Plätzchen liegen. Sie sahen hübsch aus, allerdings stimmte etwas nicht. Die Saturne hatten keine Ringe mehr!

Astromaus blinzelte verwundert. Sie war sich vollkommen sicher, dass sie die Ringe vorher angebracht hatte. Vielleicht waren sie beim Backen zerbrochen? Vielleicht hatte sie versehentlich die falschen Plätzchen auf das Blech gelegt? Oder war hier etwa ein bislang unbekanntes astronomisches Phänomen aufgetreten? Sie betrachtete die kleinen Kugeln von allen Seiten, während Lou sich auffallend intensiv mit der Betrachtung seiner eigenen Vorderpfoten beschäftigte.

Schließlich beschloss Astromaus, das Rätsel vorerst auf später zu verschieben. Es gab schließlich noch viel zu erledigen. Sie stellte das Blech auf ein höheres Regal und kehrte zum Weihnachtsbaum zurück. Dort erwartete sie allerdings bereits die nächste Überraschung. Die große Kiste mit den besonderen Planetenkugeln war verschwunden. Astromaus suchte unter dem Tisch, hinter dem Sofa, neben der Teleskopleiter und sogar im Schrank mit den Sternkarten. Schließlich kroch sie auf allen vieren unter die lange Beobachtungsbank, obwohl dort seit Jahren außer einem alten Bleistift, drei Büroklammern und einer erstaunlich großen Staubfluse nichts Interessantes mehr gefunden worden war.

Lou half natürlich bei der Suche. Er schnupperte an jeder Ecke, untersuchte den Teppich und steckte seine Nase in sämtliche offenen Kartons. Besonders ausführlich kontrollierte er eine kleine Schachtel, in der Astromaus ihre Plätzchendekoration aufbewahrte. Nach einigen Minuten hatte Lou zwar die verschwundene Planetenkiste nicht gefunden, dafür aber mehrere winzige Teigkrümel entdeckt, die er gewissenhaft beseitigte. Astromaus war von diesem Einsatz begeistert. Dass Lou dabei hauptsächlich seiner Nase und seinem Appetit folgte, fiel ihr zunächst überhaupt nicht auf.

Erst als sie gemeinsam hinter dem Vorhang nachsahen, bemerkte Astromaus etwas Merkwürdiges. Neben Lous linkem Ohr klebte ein kleiner goldgelber Krümel. Ein weiterer befand sich an seinem blauen Raumanzug, und direkt unter seiner Nase hing ein winziges Stückchen Plätzchenteig. Astromaus betrachtete ihren Freund nachdenklich. Die Form des Krümels erinnerte sie irgendwie an einen Halbkreis. Einen ausgesprochen knusprigen Halbkreis.

Plötzlich hatte sie einen Verdacht.

Sie eilte zurück in die Küche, holte das Blech mit den ringlosen Saturnen herunter und betrachtete die Plätzchen genauer. Bei einigen waren an den Seiten winzige Spuren zu erkennen, als hätte jemand die Ringe ganz vorsichtig abgebissen. Anschließend begutachtete sie ihren Freund. Lou saß wieder kerzengerade auf seinem Platz und versuchte, möglichst unschuldig auszusehen. Das gelang ihm allerdings nur teilweise, denn seine Zunge wischte gerade den letzten Krümel von seiner Schnauze.

Damit war der Fall gelöst. Die Saturnringe waren nicht durch ein geheimnisvolles Weltraumphänomen verschwunden. Sie waren auch nicht beim Backen abgefallen. Sie befanden sich inzwischen an einem Ort, an dem selbst das leistungsfähigste Weltraumteleskop der Welt sie nicht mehr entdecken konnte. In Lous Bauch.

Astromaus musste so sehr lachen, dass sie sich auf den Küchenstuhl setzen musste. Lou hatte nicht etwa die ganzen Saturnplätzchen gegessen, sondern ausschließlich die Ringe. Die kleinen runden Planeten hatte er sorgfältig liegen lassen. Offenbar war er zu dem Schluss gekommen, dass die Ringe wesentlich besser schmeckten als der Rest. Aus seiner Sicht war das durchaus vernünftig gewesen. Schließlich konnte niemand verlangen, dass ein hungriger Hund eine so wichtige kulinarische Entdeckung einfach ignorierte.

Astromaus nahm es ihrem Freund nicht übel, denn schließlich hatte sie die duftenden Plätzchen selbst in Reichweite seiner neugierigen Nase stehen lassen. Trotzdem bekam Lou einen neuen Platz zum Warten zugewiesen, diesmal etwas weiter entfernt vom Backblech. Als kleine Entschädigung erhielt er eines der eigens für ihn gebackenen Plätzchen, allerdings ohne die Möglichkeit, sich die schönsten Bestandteile selbst auszusuchen.

Inzwischen war es draußen bereits Nachmittag geworden, und langsam begann die Sonne hinter den verschneiten Bäumen zu verschwinden. Die beiden hatten zwar einen halb geschmückten Weihnachtsbaum und jede Menge Plätzchen, aber die Sternwarte sah immer noch aus, als wäre gerade ein kleiner Wirbelsturm hindurchgezogen. Auf dem Boden lagen Geschenkband, Papiersterne und Tannennadeln. Eine rote Schleife hatte sich um das Stativ des kleinen Teleskops gewickelt, und auf dem Beobachtungstisch stand eine Schüssel mit Puderzucker, die Astromaus vollkommen vergessen hatte.

Als sie gerade neue Saturnringe formen wollte, entdeckte Lou unter dem Tisch eine kleine silberne Kugel. Begeistert schob er sie mit seiner Pfote hervor. Die Kugel rollte über den Boden, prallte gegen einen Stuhl und setzte ihren Weg genau in Richtung Weihnachtsbaum fort. Lou folgte ihr mit wedelndem Schwanz, während Astromaus versuchte, die Schüssel mit dem Puderzucker rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Leider gelang ihr das nur zur Hälfte. Ein Teil des Puderzuckers landete auf dem Tisch, ein anderer auf dem Boden, und eine besonders eindrucksvolle weiße Wolke legte sich über Astromaus‘ roten Raumanzug.

Als sich der süße Nebel endlich verzogen hatte, stand mitten in der Küche eine ziemlich verblüffte weiße Maus. Nur ihre großen rosa Ohren, die schwarze Nasenspitze und zwei dunkle Augen verrieten noch, wer sich unter der Zuckerschicht verbarg. Lou betrachtete seine Freundin aufmerksam, neigte den Kopf zur Seite und begann dann so fröhlich mit dem Schwanz zu wedeln, dass Astromaus schon wieder lachen musste. Sie sah tatsächlich aus wie ein kleiner Schneemann im Raumanzug.

Die silberne Kugel hatte inzwischen den Baumständer erreicht. Dort blieb sie liegen, und Lou setzte sich stolz daneben. Astromaus hob das kleine Schmuckstück auf und erkannte darin den Planeten Merkur. Nun war wenigstens eine der vermissten Weihnachtskugeln wieder aufgetaucht. Wenn Merkur hier lag, konnten die anderen Planeten eigentlich nicht weit entfernt sein.

Die beiden untersuchten den Bereich rund um den Weihnachtsbaum noch einmal ganz genau. Schließlich entdeckte Astromaus hinter einem Stapel Geschenkpapier eine große Schachtel, auf deren Deckel sie selbst am Morgen das Wort STERNENSTAUB geschrieben hatte. Sie erinnerte sich dunkel daran, die Planetenkugeln besonders sicher verstauen zu wollen. Tatsächlich befanden sich sämtliche vermissten Kugeln in dieser Schachtel, sorgfältig in weiches Papier eingewickelt. Astromaus hatte sie selbst dort hineingelegt und anschließend vollkommen vergessen. Über diesen Fund war sie so glücklich, dass sie beinahe einen kleinen Freudentanz aufführte. Lou hüpfte begeistert um sie herum, obwohl er vermutlich noch immer glaubte, sie hätten etwas Essbares gefunden.

Nun konnten die Weihnachtsvorbereitungen endlich richtig weitergehen. Astromaus hängte die kleinen Planeten an die Zweige, während Lou aufmerksam darauf achtete, dass der große Jupiter nicht wieder zu weit außen landete. Die Venus glänzte golden im warmen Licht, der rote Mars leuchtete zwischen den Nadeln, und die Erde hing als wunderschöne blaugrüne Kugel ungefähr in der Mitte des Baumes. Auch Saturn bekam seinen Ehrenplatz. Diesmal befestigte Astromaus seine empfindlichen Ringe besonders sorgfältig, denn nach den Erfahrungen dieses Tages wollte sie kein weiteres Mal einen Saturn ohne Ringe vorfinden.

Leider hatte der Weihnachtsbaum in den vergangenen Stunden einiges mitmachen müssen. Er war umgekippt, wieder aufgerichtet, verschoben und mehrfach neu geschmückt worden. Einige seiner Zweige hingen inzwischen etwas traurig herunter, und eine einzelne Tannennadel hatte sich so hartnäckig in Lous Fell verfangen, dass sie selbst nach mehrmaligem Schütteln nicht verschwinden wollte. Trotzdem sah der Baum allmählich wunderschön aus. Besonders die goldene Sonne ganz oben strahlte prächtig. Natürlich waren die Abstände zwischen den Planeten nicht maßstabsgetreu, und Jupiter war im Verhältnis zu den anderen Kugeln noch immer etwas zu klein. Aber für einen Weihnachtsbaum war dieses Sonnensystem erstaunlich gut gelungen.

Astromaus wollte gerade die letzten kleinen Sterne aufhängen, als Lou plötzlich heftig zu wedeln begann. Sein Schwanz streifte eine der unteren Kugeln, die daraufhin gegen die nächste stieß. Diese wiederum versetzte zwei weitere Kugeln in Bewegung. Innerhalb weniger Sekunden schaukelten Mars, Venus und Neptun fröhlich an ihren Zweigen, während Jupiter bedenklich hin und her pendelte. Astromaus erstarrte mitten in der Bewegung. Lou sah ebenfalls nach oben und hielt vorsichtshalber den Schwanz still. Einen langen Augenblick schien es, als würde sich das gesamte Sonnensystem in eine gewaltige Weihnachtskatastrophe verwandeln.

Doch dann beruhigten sich die Kugeln langsam wieder.

Astromaus atmete auf. Lou setzte sich sehr vorsichtig auf den Boden und betrachtete seinen Schwanz, als würde er zum ersten Mal bemerken, dass dieses Körperteil ein erstaunliches Eigenleben führen konnte. Vorsichtshalber legte er ihn ordentlich um seine Pfoten. Zumindest bis zum nächsten freudigen Ereignis.

Kurz vor dem Abendessen waren die wichtigsten Vorbereitungen endlich abgeschlossen. Die Küche war wieder sauber, die Plätzchen lagen auf großen Tellern, und der Weihnachtsbaum funkelte in allen Farben. Astromaus hatte sogar eine zweite Portion Saturnplätzchen gebacken, diesmal mit besonders stabilen Ringen. Die für Lou bestimmten Leckereien lagen sicher in einer eigenen Dose. Auf deren Deckel hatte Astromaus ein kleines Bild ihres Freundes geklebt, damit wirklich keine Verwechslung mehr möglich war. Lou schien mit dieser Lösung einverstanden zu sein, obwohl er die übrigen Saturnringe weiterhin gelegentlich mit einem ausgesprochen sehnsüchtigen Blick betrachtete.

Als die Dunkelheit hereinbrach, schaltete Astromaus die große Deckenbeleuchtung aus. Sofort verwandelte sich die Sternwarte in einen gemütlichen Weihnachtsraum. Winzige Lichterketten erhellten die Fenster, der Baum glitzerte, und draußen funkelten die ersten Sterne über dem verschneiten Garten. Am Horizont war noch ein letzter heller Streifen des Tages zu erkennen, während sich darüber bereits das tiefe Blau des Winterhimmels ausbreitete. Astromaus trat an das Fenster und betrachtete die friedliche Landschaft. Nach all den kleinen Katastrophen des Tages fühlte sich die Ruhe nun besonders schön an.

Lou stellte sich neben seine Freundin und legte eine Pfote vorsichtig auf ihren Arm. Gemeinsam blickten sie hinaus in die Winternacht. Astromaus dachte an die vielen Planeten, die sie an diesem Tag gebastelt, gebacken, gesucht und beinahe vom Weihnachtsbaum geschüttelt hatten. Jeder dieser fernen Himmelskörper war etwas Besonderes. Auf dem Merkur herrschten gewaltige Temperaturunterschiede, die Venus war von einer dichten Atmosphäre umgeben, Mars besaß riesige Vulkane, und Saturn zeigte seine wunderbaren Ringe. Aber keiner dieser Planeten war so vertraut wie die Erde, ihr eigenes Zuhause.

Draußen standen die verschneiten Bäume, hinter den Fenstern leuchteten warme Lichter, und in der Küche warteten selbst gebackene Weihnachtsplätzchen. Hier gab es Wälder und Meere, Tiere und Pflanzen, Schnee im Winter und blühende Wiesen im Frühling. Vor allem aber gab es hier Freunde, mit denen man gemeinsam lachen, staunen und sogar einen umgekippten Weihnachtsbaum wieder aufstellen konnte. Astromaus lächelte bei diesem Gedanken. Vielleicht war es gar nicht so wichtig, dass an Weihnachten alles perfekt wurde. Viel wichtiger war doch, dass man jemanden hatte, mit dem selbst die größten Pannen zu schönen Erinnerungen werden konnten.

Lou war inzwischen wieder an den Plätzchenteller zurückgekehrt. Er hatte sich ganz brav daneben gesetzt und betrachtete die kleinen Saturne mit einer Mischung aus Bewunderung und ungebrochener Hoffnung. Astromaus bemerkte seinen Blick und musste erneut schmunzeln. Sie nahm eines seiner eigenen Plätzchen aus der Dose und legte es vor ihn. Lou bedankte sich mit einem freudigen Schwanzwedeln, das diesmal glücklicherweise keinen Planeten in Gefahr brachte.

Später machten es sich die beiden auf ihrer großen Beobachtungsbank gemütlich. Astromaus kuschelte sich in eine warme Decke, während Lou sich dicht neben sie legte. Durch das Fenster konnten sie einen kleinen Ausschnitt des Sternenhimmels sehen, und am Weihnachtsbaum leuchteten noch immer die winzigen Lichter. Der aufregende Tag hatte beide ziemlich müde gemacht. Astromaus wollte eigentlich noch etwas über die Sterne erzählen, die an diesem Abend besonders hell funkelten, doch ihre Augen wurden immer schwerer. Auch Lou hatte längst beschlossen, dass es nach so viel Weihnachtsarbeit höchste Zeit für ein kleines Nickerchen war.

Schon bald waren beide eingeschlafen.

Und wie so oft, wenn Astromaus und Lou nach einem langen Tag voller Entdeckungen gemeinsam einschliefen, begann in ihren Träumen ein neues Abenteuer. Diesmal saßen sie in ihrem kleinen roten Raumschiff und flogen durch ein Universum, in dem die Sterne wie Weihnachtslichter funkelten. An ihnen zogen riesige, wunderschön geschmückte Planeten vorbei. Jupiter trug eine gewaltige rote Schleife, die Erde hatte eine funkelnde Schneemütze aufgesetzt, und der Mars sah aus wie ein riesiger Lebkuchen.

Nur Saturn bot einen höchst merkwürdigen Anblick.

Seine Ringe bestanden aus unzähligen goldbraunen Weihnachtsplätzchen, die sich in einer endlosen Bahn um den Planeten bewegten. Lou betrachtete dieses fantastische Schauspiel mit immer größer werdenden Augen. So viele knusprige Saturnringe hatte er noch nie in seinem Leben gesehen. Und alle schienen nur darauf zu warten, von ihm probiert zu werden.

In diesem Augenblick zuckte Lou im Schlaf mit einer Pfote. Seine Nase bewegte sich, und ein leises, zufriedenes Schmatzen war zu hören. Astromaus, die neben ihm lag, öffnete für einen Moment verschlafen die Augen. Sie betrachtete ihren Freund, der offenbar gerade einen ausgesprochen köstlichen Traum hatte, und musste leise lachen.

Dann zog sie die Decke ein kleines Stück weiter über Lou, kuschelte sich wieder an ihn und schloss zufrieden die Augen.

Draußen fiel neuer Schnee, und über der kleinen Sternwarte funkelten die Sterne.

Es war ein wunderschöner Weihnachtsabend geworden.

Und irgendwo zwischen Traum und Wirklichkeit hatte Lou soeben beschlossen, dass Saturn mit seinen Ringen eindeutig sein Lieblingsplanet bleiben würde.

Frohe Weihnachten wünschen Astromaus & Lou!

Und denkt daran: Die schönsten Abenteuer erlebt man gemeinsam. Selbst dann, wenn dabei gelegentlich ein Weihnachtsbaum umfällt oder ein paar Saturnringe verschwinden.

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