Es gibt Dinge, die eine kleine Astromaus zur Verzweiflung bringen können. Ein verschwundener Bleistift gehört dazu, besonders wenn man gerade die Entdeckung des Jahrhunderts aufschreiben möchte. Ein leerer Keksteller ist ebenfalls eine ernste Angelegenheit, vor allem dann, wenn man ganz sicher ist, dass vorher noch mindestens fünf Kekse darauf gelegen haben. Doch gegen das, was Astromaus seit einigen Tagen ertragen musste, waren verschwundene Bleistifte und geheimnisvoll verdunstete Kekse geradezu unbedeutende Kleinigkeiten. Denn immer, wirklich immer, wenn sie am Abend voller Vorfreude zu ihrem geliebten Teleskop eilte, geschah etwas Ungeheuerliches. Der Himmel zog sich zu. Nicht ein bisschen, nicht nur an einer kleinen Stelle, sondern meistens genau dort, wo Astromaus gerade etwas besonders Interessantes beobachten wollte.
Am Montag hatte sie den Mond beobachten wollen. Kaum war das Teleskop richtig eingestellt, schob sich eine dicke graue Wolke davor, die verdächtig wie ein überdimensionaler Kartoffelpuffer aussah. Am Dienstag wollte sie Jupiter suchen, doch offenbar hatte der Himmel beschlossen, sämtliche verfügbaren Wolken zu einer großen Versammlung einzuladen. Am Mittwoch waren die Sterne zunächst wunderbar zu sehen gewesen, bis Astromaus ihren Beobachtungsstuhl zurechtgerückt, die Sternenkarte ausgebreitet und sich einen besonders leckeren Keks geholt hatte. Als sie wieder durch das Teleskop schaute, war alles verschwunden. Selbst der Große Wagen war nicht mehr zu finden. Astromaus hatte daraufhin vorgeschlagen, eine Vermisstenanzeige aufzugeben, aber Lou meinte, man müsse wohl erst einmal abwarten, bis sich der Himmel wieder aufklärte.
Am Donnerstag wurde die Sache endgültig unerträglich. Astromaus hatte ihr Teleskop besonders sorgfältig vorbereitet, die Linsen kontrolliert, ihre Beobachtungsnotizen ordentlich auf den Tisch gelegt und sogar den kleinen roten Raumanzug frisch gebürstet. Lou saß neben ihr in seinem blauen Raumanzug und betrachtete mit wachsender Besorgnis die immer finsterer werdende Miene seiner Freundin. Über der Sternwarte hing eine gewaltige Wolke, die aussah wie ein schlecht gelaunter Elefant mit drei Rüsseln. Astromaus verschränkte die Arme, blickte erst zum Himmel, dann zu Lou und schließlich wieder zum Himmel. Es konnte doch unmöglich sein, dass eine kleine Maus, die nichts weiter wollte, als etwas über das Universum herauszufinden, ständig von herumlungernden Wasserdampfwolken belästigt wurde. Genau genommen bestehen Wolken zwar aus winzigen Wassertröpfchen oder Eiskristallen, aber für derartige wissenschaftliche Feinheiten hatte Astromaus in diesem Augenblick überhaupt keine Geduld.
Noch am selben Abend fasste sie einen Entschluss, der das friedliche Leben in der kleinen Sternwarte gründlich verändern sollte. Die Wolken mussten weg. Nicht irgendwann, nicht vielleicht am nächsten Wochenende, sondern möglichst sofort. Und weil Astromaus bei technischen Schwierigkeiten grundsätzlich davon überzeugt war, dass Lou eine Lösung finden würde, erhielt ihr bester Freund einen neuen Auftrag. Er sollte einen Wolkenschieber bauen. Einen richtigen, funktionierenden Wolkenschieber, mit dem man störende Wolken einfach zur Seite schieben konnte, so wie man morgens eine Gardine vor dem Fenster zurückzieht. Astromaus stellte sich bereits vor, wie sie bequem neben ihrem Teleskop saß, einen Knopf drückte und über ihr ein wunderschönes, rundes Loch in der Wolkendecke entstand. Genau groß genug für den Mond, Jupiter und vielleicht noch ein paar besonders hübsche Sterne.
Lou betrachtete seine Freundin mit jenem Gesichtsausdruck, den er immer bekam, wenn Astromaus eine Idee hatte, die entweder sehr genial oder vollkommen verrückt war. Leider ließ sich das bei ihr meistens erst feststellen, nachdem irgendetwas umgefallen, explodiert oder versehentlich mit Marmelade bekleckert worden war. Lou wusste natürlich, dass Wolken in beträchtlicher Höhe über der Erde schweben und vom Wind bewegt werden. Manche hängen einige Hundert Meter über dem Boden, andere befinden sich mehrere Kilometer hoch am Himmel. Einen Wolkenschieber konnte man also nicht einfach wie einen Schneeschieber in die Hand nehmen und damit anfangen, den Himmel aufzuräumen. Er erklärte Astromaus diese Schwierigkeiten ausführlich und hoffte, damit wäre die Angelegenheit erledigt. Doch er hätte ebenso gut versuchen können, einem hungrigen Eichhörnchen zu erklären, warum es heute keine Nüsse geben sollte.
Astromaus hörte nämlich nur einen einzigen Satz aus Lous Erklärung heraus: Es gab Schwierigkeiten. Und Schwierigkeiten waren schließlich dazu da, überwunden zu werden. Während Lou noch darüber nachdachte, wie er seiner Freundin möglichst freundlich beibringen konnte, dass ihr Vorhaben gegen einige ziemlich grundlegende Naturgesetze verstieß, hatte Astromaus bereits einen großen Zeichenblock hervorgeholt. Mit einem roten Bleistift zeichnete sie eine Maschine, die so beeindruckend aussah, dass selbst ein erfahrener Ingenieur vermutlich erst einmal einen Stuhl gebraucht hätte. Das Gerät besaß vier Räder, zwei Hebel, einen riesigen Trichter, eine Kurbel, einen Propeller und an seiner Spitze eine gewaltige Hand, mit der man die Wolken zur Seite drücken sollte. Sicherheitshalber zeichnete Astromaus noch einen zweiten Propeller dazu, denn bei Erfindungen konnte ein zusätzlicher Propeller ihrer Meinung nach niemals schaden.
Am nächsten Morgen verwandelte sich der kleine Schuppen neben der Sternwarte in eine richtige Erfinderwerkstatt. Astromaus schleppte Kartons, alte Rohre, Schrauben, Seile, ein ausrangiertes Fahrrad und einen Gartenschirm herbei. Lou steuerte einige brauchbare Werkzeuge, zwei stabile Holzbretter und einen kleinen Tischventilator bei. Außerdem brachte er ein Maßband mit, weil er zumindest versuchen wollte, dieser Unternehmung einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben. Besonders lange betrachtete Astromaus einen alten Besenstiel, den sie schließlich zum wichtigsten Bauteil erklärte. An seinem oberen Ende befestigte sie einen riesigen gelben Schaumstoffhandschuh, den sie irgendwann einmal als lustige Dekoration bekommen hatte. Der ausgestreckte Zeigefinger des Handschuhs zeigte direkt in den Himmel. Damit war der erste Wolkenschieber geboren.
Der erste Test verlief allerdings nicht ganz nach Plan. Astromaus rollte die Maschine feierlich aus dem Schuppen, richtete die große gelbe Hand nach oben und begann, an der Kurbel zu drehen. Der Handschuh wackelte, der Besenstiel knarrte und eines der Räder quietschte so jämmerlich, als hätte man einer Gummiente auf den Schwanz getreten. Die Wolken zeigten sich davon vollkommen unbeeindruckt. Astromaus drehte schneller. Der gelbe Handschuh bewegte sich nun so wild hin und her, dass Lou vorsichtshalber zwei Schritte zurücktrat. Schließlich löste sich der Handschuh vom Besenstiel und segelte in hohem Bogen durch den Garten. Er landete ausgerechnet auf einem kleinen Busch und sah dort aus, als würde eine riesige gelbe Hand freundlich die vorbeifliegenden Vögel begrüßen. Astromaus betrachtete das Ergebnis eine Weile und vermerkte anschließend in ihrem Erfinderbuch, dass die erste Versuchsreihe erfolgreich abgeschlossen sei. Immerhin hatte sich etwas bewegt. Nur leider nicht das Richtige.
Lou schlug vor, zunächst etwas über die Bewegung der Wolken herauszufinden, bevor weitere Maschinen gebaut wurden. Doch Astromaus war mittlerweile vollkommen vom Erfinderfieber gepackt. Sie hatte bereits eine neue Idee entwickelt, die ihr noch wesentlich vielversprechender erschien. Wenn man Wolken nicht schieben konnte, musste man sie eben wegpusten. Schließlich konnte ein kräftiger Wind sogar einen Regenschirm umdrehen oder einem Spaziergänger den Hut vom Kopf reißen. Warum sollte das nicht auch mit einer Wolke funktionieren? Der Tischventilator wurde deshalb auf dem Wolkenschieber montiert und mit einem großen Trichter versehen. Astromaus malte ein Schild mit der Aufschrift „WOLKENSCHIEBER 2000 – HIMMEL FREI AUF KNOPFDRUCK“ und befestigte es stolz an der Vorderseite. Lou fand den Namen etwas übertrieben, insbesondere weil das Gerät weder aus dem Jahr 2000 stammte noch Wolken schieben konnte. Aber er musste zugeben, dass das Schild hervorragend aussah.
Als Astromaus den Ventilator einschaltete, geschah zunächst etwas durchaus Beeindruckendes. Ein ordentlicher Luftstrom schoss durch den Trichter, erfasste einige trockene Blätter und wirbelte sie über den Garten. Das war bereits wesentlich mehr, als die große gelbe Hand zustande gebracht hatte. Begeistert drehte Astromaus den Ventilator auf die höchste Stufe. Nun flogen nicht nur Blätter durch die Luft, sondern auch drei lose Notizzettel, eine leere Kekstüte und Lous sorgfältig gezeichnete Skizze des Sternenhimmels. Ein besonders hartnäckiges Herbstblatt setzte sich auf Lous Nase fest und blieb dort kleben, obwohl er mehrmals kräftig nieste. Astromaus lachte so sehr, dass sie sich am Teleskop festhalten musste. Lou sah mit seinem Blatt auf der Nase tatsächlich aus wie ein Weltraumforscher, der versehentlich mit einem Salatkopf zusammengestoßen war.
Die Wolken bewegten sich unterdessen weiter, allerdings ausschließlich in die Richtung, in die der Wind sie ohnehin trieb. Der Ventilator hatte nicht die geringste Wirkung auf sie. Lou nutzte die Gelegenheit, Astromaus zu erklären, dass der Luftstrom ihrer kleinen Maschine schon nach kurzer Entfernung viel zu schwach wurde, um irgendetwas hoch über der Sternwarte zu beeinflussen. Die Wolken befanden sich schließlich nicht direkt hinter dem Gartenzaun. Selbst der stärkste Tischventilator der Welt würde daran nichts ändern. Astromaus betrachtete ihre Maschine nachdenklich, setzte sich auf einen umgedrehten Farbeimer und knabberte an einem Keks, den sie vorsorglich in ihrer Raumanzugtasche aufbewahrt hatte. Lou erkannte diesen Gesichtsausdruck sofort. Seine Freundin dachte nach. Das war grundsätzlich erfreulich, bedeutete aber meistens, dass gleich eine neue und noch ungewöhnlichere Idee folgen würde.
Tatsächlich hatte Astromaus plötzlich eine glänzende Eingebung. Vielleicht lag das Problem überhaupt nicht an der Stärke des Ventilators. Vielleicht wussten die Wolken einfach nicht, wohin sie geschoben werden sollten. Schließlich war der Himmel riesengroß, und ohne vernünftige Wegweiser konnte man sich dort oben bestimmt leicht verirren. Astromaus beschloss deshalb, eine Wolkenverkehrsordnung einzuführen. Sie malte mehrere große Schilder aus Pappe. Auf einem stand „WOLKEN BITTE LINKS“, auf einem zweiten „DURCHFLUG VERBOTEN“ und auf einem dritten „ACHTUNG, STERNBEOBACHTUNG!“. Das letzte Schild wurde besonders schön, weil Astromaus zusätzlich einen kleinen Saturn mit seinen Ringen darauf zeichnete. Lou fragte sich zwar, wie eine Wolke ein Verkehrsschild lesen sollte, aber inzwischen hatte er gelernt, dass solche Fragen seine Freundin höchstens zu noch größeren Anstrengungen anspornten.
Am Nachmittag standen die beiden vor einer beeindruckenden Sammlung selbst gebauter Verkehrszeichen. Astromaus hatte sogar einen kleinen Kreisverkehr für Wolken entworfen, der aus vier Pfeilen bestand und in der Mitte das Bild einer lachenden Sonne zeigte. Leider geriet bei der Aufstellung etwas durcheinander, sodass sämtliche Pfeile in unterschiedliche Richtungen zeigten. Ein vorbeiziehender Wolkenfetzen hätte sich vermutlich erst einmal gründlich im Kreis gedreht, wenn er tatsächlich lesen und Verkehrsregeln beachten könnte. Lou musste bei diesem Gedanken schmunzeln. Er half seiner Freundin trotzdem, die Schilder ordentlich aufzustellen, denn auch wenn die Idee wissenschaftlich keinerlei Aussicht auf Erfolg hatte, machte das gemeinsame Basteln erstaunlich viel Spaß. Außerdem war Astromaus längst nicht mehr so schlecht gelaunt wie am Abend zuvor, und das war für Lou mindestens ebenso wichtig wie ein wolkenloser Himmel.
Am folgenden Abend kam der große Augenblick. Astromaus hatte beschlossen, ihren Wolkenschieber einer besonders gründlichen Prüfung zu unterziehen. Auf dem Beobachtungsplatz neben der Sternwarte standen nun die Maschine, sämtliche Wolkenverkehrsschilder und ein kleiner Tisch mit Keksen und heißem Kakao. Astromaus trug ihren roten Raumanzug und hatte sich zusätzlich eine selbst gebastelte Medaille umgehängt. Darauf stand „OBERSTE WOLKENSCHIEBERIN DES UNIVERSUMS“. Lou erschien wie immer in seinem blauen Raumanzug, allerdings ohne Medaille. Er hatte beschlossen, sich vorerst mit der weniger ruhmreichen Aufgabe des wissenschaftlichen Beobachters zufriedenzugeben. Insgeheim hoffte er, dass der Ventilator wenigstens diesmal nicht seine Unterlagen davonblasen würde.
Über ihnen hing eine gewaltige Ansammlung grauer Wolken. Sie reichten von einem Ende des Himmels bis zum anderen und sahen aus wie eine riesige Herde schlafender Elefanten, die sich dicht aneinandergekuschelt hatten. Astromaus war überzeugt, dass ihr Wolkenschieber dieser Herde nun endlich Beine machen würde. Sie kontrollierte alle Schalter, überprüfte die Schilder und legte feierlich ihre Pfote auf den Startknopf. Dann schaltete sie die Maschine ein. Der Ventilator brummte, die große gelbe Hand wackelte, und die Pappschilder flatterten wie aufgeregte Hühnerflügel. Für einen kurzen Augenblick schien tatsächlich Bewegung in die Wolkendecke zu kommen. Astromaus hüpfte vor Freude auf und ab und verkündete, dass ihre Erfindung funktioniere. Lou blickte zum Himmel, dann auf die Maschine und schließlich wieder zum Himmel. Er hatte etwas bemerkt, das Astromaus in ihrer Begeisterung vollkommen entgangen war.
Die Wolken zogen nämlich schon seit einiger Zeit langsam über die Sternwarte hinweg. Sie wurden nicht von Astromaus’ Maschine bewegt, sondern von einer Luftströmung hoch über dem Garten. Lou zeigte seiner Freundin, dass die Wolken nicht überall gleich dicht waren. Zwischen zwei großen Wolkenfeldern befand sich ein schmaler Streifen klaren Himmels, der langsam näher rückte. Weil die Wolken mit dem Wind weiterzogen, würde diese Lücke bald genau über der Sternwarte liegen. Lou holte eine kleine Wetterfahne hervor, die er schon vor längerer Zeit gebastelt hatte, und befestigte einige leichte Stoffbänder daran. Anschließend zeigte er Astromaus, wie sie die Zugrichtung der Wolken beobachten und mit der Zeit vergleichen konnten. Die Wetterfahne verriet ihnen, aus welcher Richtung der Wind direkt am Boden kam. Für die Bewegung der Wolken mussten sie zusätzlich den Himmel selbst beobachten, denn weiter oben konnte der Wind ganz anders wehen.
Astromaus war zunächst ein wenig enttäuscht. Eine Maschine, die von selbst Wolken verschieben konnte, wäre schließlich eine großartige Erfindung gewesen. Andererseits war die Vorstellung, mit Beobachtungen herauszufinden, wann eine Wolkenlücke kommen würde, auch nicht völlig uninteressant. Lou schlug deshalb vor, aus dem Wolkenschieber eine richtige kleine Wetterbeobachtungsstation zu machen. Gemeinsam befestigten sie die Wetterfahne, richteten die Schilder neu aus und legten ein Beobachtungsbuch bereit. Astromaus bestand allerdings darauf, dass die Maschine ihren ursprünglichen Namen behalten musste. Schließlich hatte sie bereits ein Schild gemalt, und außerdem klang „Wolkenschieber 2000“ wesentlich aufregender als „Gerät zur Beobachtung lokaler Wolkenbewegungen“. Lou konnte ihr da kaum widersprechen. Manche wissenschaftlich korrekten Bezeichnungen waren wirklich nicht besonders geeignet, um damit Freunde zu begeistern.
Nun begann eine ganz andere Art von Experiment. Lou erklärte, dass Wolken aus unzähligen winzigen Wassertröpfchen oder Eiskristallen bestehen. Sie entstehen dort, wo feuchte Luft ausreichend abkühlt und sich Wasserdampf an kleinen Teilchen in der Luft niederschlägt beziehungsweise zu Eiskristallen wird. Der Wind trägt die Wolken weiter, und manchmal verändern sie sogar ihre Form oder lösen sich wieder auf. Astromaus fand besonders erstaunlich, dass die riesigen Wolken über ihnen gar keine festen Gebilde waren. Sie sahen zwar manchmal wie Schafe, Elefanten oder riesige Kartoffelpuffer aus, bestanden aber aus unglaublich vielen winzigen Tröpfchen. Bei dem Gedanken, dass sie gerade versucht hatte, eine gewaltige Ansammlung kleiner Wassertröpfchen mit einem gelben Schaumstoffhandschuh zur Seite zu schubsen, musste sie selbst lachen. Vielleicht war das tatsächlich nicht ihre allerbeste Erfindung gewesen.
Trotzdem wollte Astromaus noch nicht aufgeben. Sie nahm ihr Beobachtungsbuch und begann, die vorbeiziehenden Wolken zu zeichnen. Die erste sah aus wie ein Drache mit viel zu kurzen Beinen, die zweite erinnerte sie an einen schlafenden Wal, und die dritte hatte eindeutig die Form eines riesigen Stücks Käse. Lou betrachtete die Zeichnungen mit wachsendem Vergnügen. Bei einer besonders merkwürdigen Wolke konnte sich Astromaus allerdings nicht entscheiden, ob sie eher einem fliegenden Schwein oder einer Badewanne ähnelte. Schließlich zeichnete sie beides hinein und beschriftete die Skizze mit „unbekanntes fliegendes Badewannenschwein“. Lou war überzeugt, dass diese Tierart in keinem wissenschaftlichen Bestimmungsbuch vorkam. Astromaus wiederum fand, dass genau dies ein ausgezeichnetes Argument dafür war, weiterzuforschen.
Während sie so beschäftigt waren, bemerkten die beiden zunächst gar nicht, dass sich der Himmel langsam veränderte. Die dichten grauen Wolken zogen weiter, und am westlichen Horizont erschien ein immer größer werdender Streifen tiefblauen Himmels. Lou entdeckte ihn als Erster. Er zeigte Astromaus, wie sich die Lücke langsam näherte, und gemeinsam beobachteten sie, wie lange eine Wolke brauchte, um an zwei festen Punkten des Sternwartendachs vorbeizuziehen. Natürlich ließ sich daraus keine perfekte Wettervorhersage machen, denn Wolken können ihre Geschwindigkeit und Form verändern. Aber für eine grobe Abschätzung reichte es. Astromaus war begeistert. Sie hatte plötzlich das Gefühl, dem Geheimnis der Wolken auf die Spur gekommen zu sein. Vielleicht konnte man den Himmel doch nicht einfach aufräumen, aber man konnte lernen, seine Veränderungen besser zu verstehen.
Als die erste große Wolkenlücke schließlich genau über der Sternwarte auftauchte, geschah etwas, das Astromaus für den Rest ihres Lebens nicht vergessen sollte. Sie drückte nämlich aus reiner Gewohnheit noch einmal auf den großen Startknopf ihres Wolkenschiebers. Genau in diesem Augenblick wurde der Blick auf den Mond frei. Die silberhelle Scheibe erschien zwischen den Wolken, und für einen kurzen Moment sah es tatsächlich so aus, als hätte die Maschine den Himmel aufgeschoben. Astromaus riss die Augen auf, sprang begeistert um den Wolkenschieber herum und vollführte einen Freudentanz, bei dem sie beinahe über einen ihrer eigenen Wegweiser stolperte. Lou konnte sich ein lautes Lachen nicht verkneifen. Er wusste natürlich, dass der Mond nur deshalb sichtbar geworden war, weil der Wind die Wolken weitergetragen hatte. Aber die Vorstellung, dass seine Freundin mit einem Tischventilator, einem Besenstiel und einem Schaumstoffhandschuh die gesamte Atmosphäre in Bewegung gesetzt haben sollte, war einfach zu komisch.
Schnell eilten beide zum Teleskop, denn niemand wusste, wie lange die Wolkenlücke offen bleiben würde. Astromaus blickte zuerst hindurch und entdeckte die zerklüftete Landschaft des Mondes. Entlang der Grenze zwischen seiner hellen und seiner dunklen Seite warfen Berge und Kraterränder lange Schatten. Manche Krater sahen aus wie riesige Schüsseln, andere erinnerten an kleine Ringe, die jemand in den Mondboden gedrückt hatte. Astromaus war so begeistert, dass sie beinahe vergaß, Lou ebenfalls durch das Teleskop schauen zu lassen. Doch dann rückte sie zur Seite und überließ ihrem Freund den besten Platz. Lou betrachtete die Mondlandschaft aufmerksam, während Astromaus neben ihm stand und immer wieder ungeduldig zum Himmel blickte. Gemeinsam hatten sie ausgerechnet, wann die Wolkenlücke kommen könnte, gemeinsam hatten sie alles vorbereitet, und nun konnten sie auch gemeinsam die Belohnung genießen.
Später saßen die beiden nebeneinander auf ihrer kleinen Holzbank vor der Sternwarte. Über ihnen glitzerten einige Sterne, während in der Ferne bereits die nächsten Wolken heranzogen. Der Wolkenschieber stand still neben ihnen und sah im schwachen Mondlicht erstaunlich eindrucksvoll aus. Die große gelbe Hand zeigte schräg nach oben, als wolle sie den Sternen eine gute Nacht wünschen. Astromaus betrachtete ihre Erfindung mit einem zufriedenen Lächeln. Natürlich hatte sie inzwischen verstanden, dass die Maschine keine Wolken verschieben konnte. Sie wusste jetzt auch, dass Wolken wichtige Bestandteile des Wetters waren und nicht einfach nur störende Hindernisse für begeisterte Himmelsbeobachter. Schließlich brachten sie Regen, spendeten Schatten und gehörten ebenso zur Erde wie Sonne, Wind und Sterne. Trotzdem war sie fest entschlossen, ihren Wolkenschieber zu behalten. Er war schließlich mit viel Mühe, einer erstaunlichen Menge Klebeband und mindestens zwölf Keksen entstanden.
Lou hatte währenddessen eine kleine Veränderung an der Maschine vorgenommen. Er entfernte das Schild mit der Aufschrift „HIMMEL FREI AUF KNOPFDRUCK“ und ersetzte es durch ein neues. Darauf stand nun: „WOLKENSCHIEBER 2000 – SCHIEBT KEINE WOLKEN, ABER SCHLECHTE LAUNE BEISEITE.“ Astromaus las den Text, dachte einen Moment darüber nach und brach dann in so herzliches Gelächter aus, dass sogar Lou mitlachen musste. Eigentlich hatte seine neue Beschriftung den Nagel auf den Kopf getroffen. Denn obwohl die beiden an diesem Tag keine einzige Wolke selbst verschoben hatten, war aus einem ärgerlichen, wolkenverhangenen Abend ein wunderbares gemeinsames Abenteuer geworden. Sie hatten gebastelt, geforscht, gelacht, Fehler gemacht, neue Dinge gelernt und schließlich doch noch den Mond beobachtet.
Astromaus lehnte ihren Kopf zufrieden an Lous Schulter. Ohne ihren Freund hätte sie vermutlich noch immer versucht, die Wolken mit einer riesigen gelben Hand vom Himmel zu schieben. Und ohne Astromaus wäre Lou wahrscheinlich niemals auf die Idee gekommen, aus einem alten Fahrrad, einem Ventilator und einigen Verkehrszeichen eine Wolkenbeobachtungsstation zu bauen. Sie ergänzten sich eben wunderbar. Astromaus hatte die verrückten Ideen, Lou brachte Geduld und Wissen mit, und gemeinsam fanden sie meistens einen Weg, aus etwas Unmöglichem wenigstens etwas Interessantes zu machen. Manchmal war es eben gar nicht entscheidend, ob eine Erfindung genau das tat, was man sich ursprünglich vorgestellt hatte. Viel wichtiger war, dass man neugierig blieb, sich gegenseitig half und auch dann noch miteinander lachen konnte, wenn alles ganz anders kam als geplant.
Die Nacht wurde stiller, und über dem Garten funkelten noch einige Sterne. Astromaus war inzwischen so müde, dass ihr mehrmals die Augen zufielen. Lou deckte die beiden mit einer warmen Decke zu und warf einen letzten Blick auf den Wolkenschieber. Er musste schmunzeln, denn der große gelbe Handschuh hatte sich im leichten Abendwind gedreht und zeigte nun genau in die Richtung, aus der die nächsten Wolken heranzogen. Für einen Moment sah es tatsächlich so aus, als würde die Maschine den Neuankömmlingen höflich den Weg weisen. Lou beschloss, dass dies ein schöner Abschluss für einen ziemlich ungewöhnlichen Tag war. Er nahm sich vor, am nächsten Morgen gemeinsam mit Astromaus die Beobachtungen auszuwerten und vielleicht eine richtige kleine Wolkenkarte anzufertigen.
Doch damit hatte er die Rechnung ohne die Fantasie seiner Freundin gemacht. Astromaus war nämlich keineswegs damit beschäftigt, von ruhigen Sternennächten oder friedlichen Mondlandschaften zu träumen. In ihrem Traum saß sie bereits an einem riesigen Zeichentisch und arbeitete an einer neuen Erfindung. Wenn man Wolken nicht schieben konnte, dann musste man sich eben etwas anderes einfallen lassen. Vielleicht einen Wolkenstaubsauger. Oder eine Wolkenwaschmaschine. Möglicherweise sogar eine gewaltige Himmelswetterfernbedienung mit dreiundzwanzig Knöpfen und einer besonders praktischen Wolkenparkfunktion. In ihrem Traum begann sie bereits, die ersten Pläne zu zeichnen, und selbstverständlich hatte sie Lou wieder zum Chefingenieur ernannt.
Als am nächsten Morgen die Sonne durch das Fenster der Sternwarte schien, erwachte Lou von einem ungewöhnlichen Geräusch. Es klang, als würde jemand mit einem Bleistift auf einen leeren Kochtopf klopfen. Vorsichtig öffnete er die Augen und entdeckte Astromaus, die bereits wieder über ihrem Zeichenblock saß. Neben ihr lagen eine große Rolle Klebeband, mehrere leere Keksverpackungen und eine Zeichnung, die ein verdächtig großes Rohr mit einem gewaltigen Trichter zeigte. Lou ahnte sofort, dass ihm ein weiterer aufregender Tag bevorstand. Astromaus strahlte ihn an und erklärte voller Begeisterung, dass sie über Nacht die Lösung gefunden habe. Der Wolkenschieber sei zwar ganz nett gewesen, aber ihre neue Erfindung würde wirklich alles verändern.
Lou betrachtete die Zeichnung und seufzte leise. Dann nahm er seinen blauen Raumanzug vom Haken, stellte zwei Tassen Kakao auf den Tisch und holte vorsichtshalber schon einmal die Werkzeugkiste aus dem Schuppen. Schließlich wusste er inzwischen, dass es vollkommen zwecklos war, Astromaus von einer guten Idee abzubringen, besonders wenn diese Idee mit einem riesigen Trichter begann.
Und während draußen ein paar vollkommen ahnungslose Schäfchenwolken friedlich über den Himmel zogen, stand auf dem Zeichenblock bereits in großen roten Buchstaben:
„DER WOLKENSTAUBSAUGER 3000 – JETZT MIT EXTRA STARKER SAUGKRAFT!“
Lou beschloss, zuerst einmal nachzusehen, ob noch genügend Kekse im Haus waren. Bei dieser Erfindung würde er sie ganz bestimmt brauchen.



