Oder: Warum Staub manchmal gefährlicher ist als ein Asteroid
Die ersten warmen Sonnenstrahlen des Frühlings fielen durch die großen Fenster der alten Sternwarte und malten helle, goldene Streifen auf den Holzboden. Draußen sangen die Vögel, die ersten Blumen streckten neugierig ihre Köpfe aus der Erde, und ein leichter Wind bewegte die Zweige des großen Apfelbaums. Es war einer dieser wunderschönen Frühlingsmorgen, an denen man am liebsten draußen sitzen, die Nase in die Sonne halten und einfach das Leben genießen wollte. Genau das hatte Lou auch vor. Er hatte sich bereits ein gemütliches Plätzchen vor der Sternwarte ausgesucht, sein Lieblingskissen zurechtgerückt und überlegte gerade, ob er zuerst ein kleines Nickerchen machen oder lieber den Schmetterlingen beim Fliegen zusehen sollte. Doch dann hörte er aus der Sternwarte ein Geräusch, bei dem ihm augenblicklich die Ohren zu Berge standen. Es war kein Knall, kein Krachen und auch nicht das Piepsen irgendeines astronomischen Messgeräts. Nein, es war viel schlimmer. Es war das fröhliche Summen von Astromaus, begleitet vom verdächtigen Klappern mehrerer Eimer. Lou kannte dieses Geräusch. Und er wusste aus langjähriger Erfahrung, dass es meistens mit Arbeit verbunden war. Mit sehr viel Arbeit.
Astromaus hatte nämlich beschlossen, dass heute der perfekte Tag für einen gründlichen Frühjahrsputz war. Nicht für einen kleinen, gemütlichen Frühjahrsputz, bei dem man hier ein wenig Staub wischt und dort ein Fenster öffnet. Nein, Astromaus dachte natürlich in ganz anderen Größenordnungen. Wenn sie etwas unternahm, dann richtig. Schließlich konnte man auch nicht nur halb zum Mond fliegen oder ein Raumschiff ein bisschen starten. Deshalb hatte sie bereits am frühen Morgen einen großen Plan geschrieben, ihn mit drei roten Sternchen verziert und mitten auf den Tisch gelegt. Ganz oben stand in großen Buchstaben: OPERATION BLITZBLANK – DIE STERNWARTE WIRD WIE NEU! Darunter folgte eine Liste, die so lang war, dass Astromaus dafür zwei Blätter zusammenkleben musste. Fenster putzen, Regale abstauben, Bücher sortieren, den Boden wischen, alte Kartons aufräumen, die Kuppel kontrollieren, die Sternkarten ordnen und sämtliche Tassen ausfindig machen, die irgendwann einmal spurlos verschwunden waren. Lou hatte den Verdacht, dass mindestens sieben davon unter Astromaus‘ Schreibtisch lebten und dort inzwischen eine eigene kleine Tassenkolonie gegründet hatten.
Als Lou vorsichtig durch die Tür spähte, stand Astromaus bereits mitten im Raum. Um den Bauch hatte sie sich eine Schürze gebunden, auf dem Kopf saß ein viel zu großes Putztuch, und in jeder Pfote hielt sie einen anderen Gegenstand. In der linken einen Staubwedel, in der rechten eine Sprühflasche. Neben ihr standen drei Eimer, zwei Besen, ein Schrubber und ein alter Staubsauger, der aussah, als hätte er schon bei der ersten Mondlandung Dienst getan. Astromaus strahlte über das ganze Gesicht. Lou dagegen begann sofort rückwärtszugehen. Er kannte diesen Blick. Es war derselbe Blick, den Astromaus bekam, wenn sie mitten in der Nacht eine neue Idee hatte und anschließend behauptete, sie müsse nur noch „ganz schnell etwas ausprobieren“. Solche Versuche endeten gewöhnlich damit, dass Lou eine Leiter festhalten, ein Kabel entwirren oder irgendeinen Gegenstand aus einem Baum holen musste.
Lou versuchte deshalb, sich möglichst unauffällig davonzuschleichen. Vielleicht konnte er sich hinter dem großen Apfelbaum verstecken. Oder im Geräteschuppen. Oder noch besser gleich auf der anderen Seite des Gartens. Doch Astromaus hatte ihn bereits entdeckt. Mit der Begeisterung einer Raumfahrtleiterin, die gerade ihre komplette Mannschaft gefunden hatte, erklärte sie, dass sie selbstverständlich gemeinsam putzen würden. Schließlich seien sie ein Team, und gemeinsam gehe alles viel schneller. Lou konnte diesem Gedanken grundsätzlich durchaus etwas abgewinnen. Er fand nur, dass ein Team manchmal auch aus einem arbeitenden Mitglied und einem Mitglied bestehen durfte, das aus sicherer Entfernung moralische Unterstützung leistete. Leider war Astromaus nicht derselben Meinung. Noch bevor Lou einen überzeugenden Grund für seine Abwesenheit finden konnte, hatte sie ihm bereits einen blauen Putzeimer, ein Tuch und die Verantwortung für sämtliche Regale übertragen. Aus seinem gemütlichen Frühlingsmorgen war innerhalb weniger Sekunden eine handfeste Reinigungsmission geworden.
Dabei fing alles erstaunlich gut an. Astromaus öffnete die Fenster, Lou sortierte einige Bücher und die ersten Staubflusen verschwanden tatsächlich aus der Sternwarte. Astromaus war begeistert. Sie wirbelte mit ihrem Staubwedel durch den Raum, als würde sie ein besonders kompliziertes Weltraummanöver durchführen. Staub auf dem Fensterbrett? Weg damit! Staub auf den Regalen? Keine Chance! Staub auf dem alten Globus? Sofort beseitigt! Astromaus war so schnell, dass Lou kaum hinterherkam. Innerhalb weniger Minuten hatte sie gefühlt mehr Staub aufgewirbelt, als sich in den vergangenen Monaten überhaupt angesammelt haben konnte. Die Sonnenstrahlen, die durch die Fenster fielen, machten jede einzelne Staubfluse sichtbar. Tausende winzige Teilchen schwebten durch die Luft und glitzerten im Licht wie eine kleine Galaxie. Astromaus hielt einen Augenblick inne, betrachtete das Schauspiel begeistert und fand, dass selbst der Schmutz in ihrer Sternwarte irgendwie astronomisch aussah. Lou dagegen musste niesen. Einmal. Zweimal. Und beim dritten Mal so kräftig, dass ein Stapel alter Beobachtungsnotizen vom Tisch rutschte und sich über den Boden verteilte. Astromaus war davon wenig beeindruckt. Sie hatte längst ein neues Ziel entdeckt.
In der hintersten Ecke stand nämlich ein alter Karton, auf dem in großen Buchstaben „UNBEDINGT AUFHEBEN“ geschrieben stand. Das war natürlich eine unwiderstehliche Einladung für Astromaus. Sie war überzeugt, dass sich darin etwas unglaublich Wichtiges befinden musste. Vielleicht alte Sternkarten, ein vergessenes Ersatzteil für das Teleskop oder sogar eine geheimnisvolle Erfindung. Begeistert öffnete sie den Karton und fand darin zunächst drei leere Marmeladengläser, einen einzelnen Handschuh, vier verbogene Büroklammern und einen kleinen Plastikplaneten, dessen Saturnring irgendwann verloren gegangen war. Darunter lag ein uralter Staubwedel mit einem besonders langen Griff. Astromaus zog ihn triumphierend heraus und schwenkte ihn über dem Kopf. Leider hatte sich im Laufe der Jahre so viel Staub darin gesammelt, dass sich beim ersten Schwingen eine gewaltige graue Wolke löste. Sie breitete sich über dem Tisch aus, kroch zwischen den Regalen hindurch und hüllte schließlich die gesamte Sternwarte in einen Nebel, der jedem echten Astronomen verdächtig vorgekommen wäre. Lou stand mitten darin, blinzelte zweimal und sah plötzlich aus, als hätte jemand ihn mit Puderzucker bestreut. Nur dass Puderzucker deutlich besser gerochen hätte.
Astromaus betrachtete das Ergebnis ihrer Entdeckung und musste ein wenig husten. So hatte sie sich das eigentlich nicht vorgestellt. Allerdings erinnerte sie sich an ein wissenschaftliches Prinzip, das sie einmal gelesen hatte: Materie verschwindet nicht einfach. Sie kann sich verteilen, verändern oder den Ort wechseln, aber sie ist nicht plötzlich weg. Bei ihrer Putzaktion hatte sich der Staub offensichtlich dafür entschieden, möglichst viele neue Orte kennenzulernen. Lou betrachtete seine inzwischen grauen Pfoten und fand, dass dieser Staub einen ausgesprochen großen Entdeckerdrang besaß. Astromaus beschloss deshalb, den Staubwedel sofort durch den Staubsauger zu ersetzen. Das klang vernünftig. Schließlich war der Staubsauger eigens dafür gebaut worden, Staub aufzusammeln. Was sollte dabei schon schiefgehen?
Nun, eine ganze Menge.
Der alte Staubsauger erwachte mit einem Geräusch zum Leben, das verdächtig an den Start einer Rakete erinnerte. Zunächst brummte er nur. Dann röhrte er. Und schließlich gab er ein lang gezogenes Heulen von sich, bei dem draußen sogar die Spatzen erschrocken vom Apfelbaum aufflogen. Astromaus ließ sich davon nicht beeindrucken. Sie schob das Saugrohr über den Boden und verkündete zufrieden, dass jetzt endlich Ordnung in die Sache komme. Tatsächlich verschwanden die ersten Staubflusen ohne Widerstand. Dann folgte ein zusammengeknülltes Stück Papier, ein alter Keksbrösel und schließlich etwas, das Astromaus zuerst für ein besonders hartnäckiges Stück Schmutz hielt. Es war aber die Ecke einer großen Sternkarte, die vom Tisch herunterhing. Der Staubsauger saugte die Karte mit einer Begeisterung ein, als hätte er sein ganzes Leben auf genau diesen Augenblick gewartet. Mit einem lauten Rascheln verschwand erst ein kleines Stück der Milchstraße im Rohr, dann das Sternbild Orion und schließlich ein beträchtlicher Teil des nördlichen Sternenhimmels.
Astromaus bemerkte den Zwischenfall erst, als die Sternkarte plötzlich über den Tisch rutschte und eine Tasse mit kaltem Tee mit sich zog. Die Tasse kippte um, rollte erstaunlich elegant über die Tischkante und landete ausgerechnet in dem Eimer mit dem frischen Putzwasser. Das Ergebnis war eine beachtliche Fontäne, die Astromaus von den Ohren bis zur Schwanzspitze erwischte. Lou sprang rechtzeitig zur Seite, verlor dabei aber das Gleichgewicht und landete rückwärts in einem Korb voller sauberer Putztücher. Für einen Augenblick herrschte vollkommene Stille. Der Staubsauger röhrte weiter, die Sternkarte steckte halb im Rohr, Astromaus tropfte auf den Boden, und Lou schaute aus seinem Tücherkorb wie ein sehr überraschter Hund, der gerade versehentlich in einer Waschmaschine gelandet war. Astromaus überlegte kurz, ob dieser Vorgang vielleicht bereits als Fensterreinigung gelten könnte. Schließlich war immerhin ziemlich viel Wasser durch die Luft geflogen. Lou fand, dass sich diese Theorie wahrscheinlich nur schwer wissenschaftlich beweisen ließ.
Nachdem sie den Staubsauger ausgeschaltet und die Sternkarte vorsichtig befreit hatten, beschloss Astromaus, zunächst etwas weniger Gefährliches zu unternehmen. Fensterputzen erschien ihr dafür geradezu ideal. Fenster hatten keine beweglichen Teile, konnten nicht eingesaugt werden und lagen gewöhnlich ganz ruhig in ihren Rahmen. Außerdem waren die großen Fenster der Sternwarte nach dem langen Winter tatsächlich ein wenig schmutzig geworden. Lou war erleichtert. Fensterputzen war eine überschaubare Aufgabe, die sich mit etwas Geduld und einem weichen Tuch erledigen ließ. Astromaus holte jedoch einen großen Eimer, füllte ihn mit warmem Wasser und gab einen kräftigen Schuss Reinigungsmittel dazu. Dann noch einen zweiten. Und weil sie sich sicher war, dass besonders viel Reinigungsmittel besonders saubere Fenster machen musste, folgte auch noch ein dritter. Lou beobachtete, wie sich auf der Wasseroberfläche ein gewaltiger Schaumberg bildete. Er hatte schon Wolken gesehen, die kleiner waren.
Astromaus tauchte ihren Schwamm hinein und begann voller Tatendrang mit der Arbeit. Zunächst entstand auf der Fensterscheibe ein herrlich glänzender Schaumstreifen. Dann noch einer. Und noch einer. Nach kurzer Zeit war vom Garten draußen kaum noch etwas zu erkennen. Das gesamte Fenster war von einer dicken, weißen Schaumschicht bedeckt. Astromaus trat einen Schritt zurück und betrachtete zufrieden ihr Werk. Sie fand, dass die Sternwarte inzwischen aussah, als würde sie mitten in einer Wolke schweben. Lou fand dagegen, dass man durch ein Fenster eigentlich hindurchsehen können sollte. Während Astromaus versuchte, die Schaumlandschaft wieder zu entfernen, wehte eine kräftige Frühlingsbrise durch das offene Fenster. Sie erwischte einen besonders großen Schaumberg und trug ihn quer durch den Raum. Der weiße Klumpen segelte langsam durch die Luft, vorbei am Globus, über den Schreibtisch und direkt auf Lou zu, der gerade mit einem trockenen Tuch beschäftigt war. Ehe er ausweichen konnte, landete der Schaum auf seinem Kopf und verwandelte ihn in ein merkwürdiges Wesen mit einer gewaltigen weißen Frisur.
Astromaus betrachtete Lou und prustete los. Er sah aus wie ein berühmter Wissenschaftler, der gerade eine besonders aufregende Entdeckung gemacht hatte. Zumindest stellte sie sich einen solchen Wissenschaftler genau so vor. Lou dagegen blickte in den Spiegel neben der Tür und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Die Schaumfrisur stand ihm wirklich ausgezeichnet. Besonders die beiden weißen Spitzen über seinen Ohren wirkten eindrucksvoll. Für einen kurzen Moment vergaßen beide sogar den Frühjahrsputz und probierten aus, welche lustigen Frisuren sich mit dem harmlosen Schaum formen ließen. Astromaus bekam eine schiefe Krone, Lou einen gewaltigen Schnurrbart und ein zusammengerolltes Putztuch wurde zum weißen Weltraumwurm. Erst als eine größere Schaumportion langsam vom Tisch rutschte und auf dem frisch gewischten Boden landete, erinnerte sich Astromaus wieder an ihre eigentliche Mission. Sie beschloss, dass nun wirklich etwas mehr Disziplin notwendig sei. Schließlich wollten sie eine Sternwarte reinigen und keinen Schönheitssalon für außerirdische Wesen eröffnen.
Als Nächstes nahm Astromaus sich die große Kuppel vor. Die alte Sternwarte besaß eine wunderschöne, drehbare Dachkuppel mit einem schmalen Beobachtungsspalt, durch den das große Teleskop nachts zum Himmel blickte. Für Astromaus war dieser Raum der schönste Ort auf der ganzen Welt. Hier hatten sie schon so viele Stunden verbracht, den Mond beobachtet, nach Planeten gesucht und über die unzähligen Sterne gestaunt. Deshalb sollte gerade hier alles besonders ordentlich sein. Lou kümmerte sich vorsichtig um die Tische und Ablagen, während Astromaus begann, die Außenseite des Teleskoptubus abzustauben. An die empfindlichen Spiegel und Linsen gingen die beiden selbstverständlich nicht. Sie wussten genau, dass astronomische Optiken besondere Pflege benötigten und nicht einfach mit einem gewöhnlichen Putztuch bearbeitet werden durften. Trotzdem war Astromaus der Meinung, dass das Teleskop nach ihrer Arbeit mindestens doppelt so schön glänzen müsse wie vorher.
Leider stand direkt neben dem Teleskop ein kleines Regal mit mehreren selbst gebastelten Planetenmodellen. Dort waren Mars, Jupiter, Saturn und einige Monde aufbewahrt, die Astromaus und Lou für ihre astronomischen Erklärungen verwendeten. Besonders Saturn war ein kleines Kunstwerk. Sein Ring bestand aus sorgfältig ausgeschnittenem Karton, der mit goldenem Papier beklebt war. Astromaus hatte für die Herstellung einen ganzen Nachmittag gebraucht, denn der Ring wollte damals einfach nicht gerade bleiben. Während sie nun mit ihrem Staubwedel hinter dem Regal hantierte, streifte sie versehentlich die oberste Ablage. Der kleine Saturn begann zu wackeln. Erst ein wenig. Dann ein bisschen mehr. Schließlich rollte er langsam auf die Kante zu, als hätte er beschlossen, seine Umlaufbahn eigenmächtig zu verlassen. Astromaus bemerkte die Bewegung, warf den Staubwedel weg und sprang nach vorn. Mit einer erstaunlich eleganten Bewegung gelang es ihr tatsächlich, Saturn aufzufangen. Leider stieß sie dabei mit dem Ellenbogen gegen den Mars, der seinerseits Jupiter anrempelte.
Innerhalb weniger Sekunden entwickelte sich auf dem Regal eine regelrechte kosmische Kettenreaktion. Mars rollte nach links, Jupiter nach rechts, ein kleiner Mond sprang über die Kante und verschwand unter dem Tisch. Saturn blieb zwar in Astromaus‘ Pfoten, verlor dabei jedoch seinen kunstvollen Ring, der langsam durch die Luft segelte und wie ein riesiger goldener Heiligenschein auf Lous Kopf landete. Lou stand vollkommen regungslos da. Astromaus betrachtete ihn, dann den ringlosen Saturn und schließlich das völlig durcheinandergeratene Planetensystem. Eigentlich hatte sie nur Staub entfernen wollen. Stattdessen hatte sie offenbar das Sonnensystem neu sortiert. Lou bewegte vorsichtig seinen Kopf, woraufhin der Saturnring langsam über seine Ohren rutschte und ihm schließlich wie ein viel zu großer Kragen um den Hals hing. Astromaus musste so herzlich lachen, dass sie sich auf den Boden setzte. Zum Glück blieb Lou ebenfalls nicht ernst. Er fand, dass er nun wenigstens behaupten konnte, schon einmal einen Planetenring getragen zu haben. Diese Erfahrung dürfte nicht jeder Hund vorweisen können.
Nachdem sie die Planeten wieder auf ihre Plätze gestellt und den Ring vorsichtig befestigt hatten, war es bereits Mittag geworden. Astromaus hatte inzwischen sieben Dinge angefangen, vier beinahe fertiggestellt, drei neue Unordnungen verursacht und mindestens fünfmal behauptet, dass sie gleich mit allem fertig seien. Lou hatte unterdessen einen beachtlichen Teil seiner Zeit damit verbracht, heruntergefallene Gegenstände aufzuheben, verschüttetes Wasser zu beseitigen und Astromaus daran zu erinnern, dass ein Gegenstand nicht automatisch sauberer wurde, wenn man ihn möglichst schnell hin und her bewegte. Er betrachtete die Sternwarte und stellte fest, dass sie an einigen Stellen tatsächlich schon wunderbar ordentlich aussah. An anderen Stellen allerdings erinnerte sie eher an einen Flohmarkt, der mitten in einem Schneesturm eröffnet worden war.
Das bemerkte nun auch Astromaus. Sie blickte auf ihre lange Liste, auf der hinter fast keinem Punkt ein Häkchen stand, und begann energisch mit dem Schwanz zu wedeln. Das durfte doch nicht wahr sein! Schließlich putzten sie schon seit Stunden. Sie beschloss deshalb, ihre Arbeitsgeschwindigkeit noch einmal deutlich zu erhöhen. Lou ahnte Schlimmes. Wenn Astromaus schon bei normaler Geschwindigkeit das Sonnensystem durcheinanderbrachte, konnte eine weitere Beschleunigung möglicherweise ernsthafte Auswirkungen auf die gesamte Milchstraße haben. Vorsichtshalber räumte er sämtliche Planetenmodelle in eine große Kiste und stellte sie an einen sicheren Ort. Dort würden sie hoffentlich bleiben, solange Astromaus mit ihrem Staubwedel unterwegs war.
Inzwischen hatte Astromaus beschlossen, den Fußboden gründlich zu wischen. Dafür füllte sie einen neuen Eimer mit sauberem Wasser und begann, den Boden in langen, schwungvollen Bewegungen zu bearbeiten. Links, rechts, vorwärts, rückwärts. Der Schrubber glitt über das Holz, während Astromaus fröhlich vor sich hin summte. Sie war so begeistert von ihrem eigenen Arbeitstempo, dass sie gar nicht bemerkte, wie viel Wasser sie dabei verteilte. Lou wollte sie gerade darauf aufmerksam machen, als Astromaus auf einer besonders glatten Stelle einen unerwartet großen Schritt machte. Ihr rechter Fuß rutschte nach vorn, der linke versuchte verzweifelt hinterherzukommen, und plötzlich bewegte sie sich auf beiden Füßen quer durch den Raum. Es war eine Art Eiskunstlauf, nur ohne Eis, ohne Musik und vor allem ohne die geringste Vorbereitung.
Astromaus ruderte mit den Armen, drehte sich einmal um die eigene Achse und schlitterte direkt auf den großen Wäschekorb zu. In letzter Sekunde gelang es ihr, sich daran festzuhalten. Doch der Korb besaß kleine Rollen. Kaum hatte Astromaus ihn gepackt, setzte er sich in Bewegung und fuhr mit ihr quer durch die Sternwarte. Lou sah fassungslos zu, wie Astromaus an ihm vorbeisauste, eine elegante Kurve um den Schreibtisch beschrieb und schließlich mitsamt dem Korb in einem Stapel alter Kissen landete. Es war eine Landung, auf die vermutlich selbst eine Raumfahrtagentur stolz gewesen wäre, zumindest was die Weichheit des Aufpralls betraf. Als Astromaus aus den Kissen auftauchte, hatte sie ein großes rotes Sofakissen auf dem Kopf und eine kleine Staubfluse an der Nase. Lou konnte nicht anders. Er musste lachen. Erst leise, dann immer lauter, bis er sich schließlich auf den Boden setzte und vor Lachen kaum noch Luft bekam. Astromaus wollte eigentlich empört sein, doch der Anblick des lachenden Lou war einfach zu komisch. Kurz darauf lachten beide so herzlich, dass sie den missglückten Frühjahrsputz für ein paar Minuten vollkommen vergaßen.
Gerade als sich die beiden wieder beruhigt hatten, geschah das nächste Unglück. Ein kräftiger Windstoß fuhr durch die geöffneten Fenster und erfasste die große Liste mit Astromaus‘ Reinigungsplan. Das Blatt hob sich vom Tisch, flatterte einmal durch die Luft und landete auf der obersten Spitze des hohen Bücherregals. Astromaus sprang sofort auf, um es zurückzuholen. Schließlich war ihr Plan das wichtigste Dokument der gesamten Operation. Ohne ihn wusste sie ja gar nicht mehr, was alles geputzt werden musste. Lou betrachtete die inzwischen ziemlich chaotische Sternwarte und fragte sich, ob das vielleicht gar kein so großer Nachteil wäre. Doch Astromaus war bereits unterwegs, um die kleine Trittleiter zu holen.
Zum Glück war Lou diesmal schneller. Er stellte die Leiter sicher auf, hielt sie fest und sorgte dafür, dass Astromaus nicht wieder irgendein außergewöhnliches Kunststück vorführte. Gemeinsam gelang es ihnen, das Blatt vom Regal zu holen. Allerdings hatte sich die Liste inzwischen unter einer dicken Staubschicht versteckt, und beim Herunterziehen rieselte eine ganze Ladung davon auf Astromaus‘ Kopf. Als sie wieder auf dem Boden stand, war von ihrem ursprünglich roten Fell kaum noch etwas zu sehen. Ihre Ohren waren grau, ihre Nase war grau und sogar ihre Schnurrhaare sahen aus, als hätten sie einen langen Winter in einer staubigen Kiste verbracht. Lou betrachtete sie aufmerksam und stellte fest, dass Astromaus nun beinahe wie eine sehr alte Professorin aussah, die seit hundert Jahren in einer Bibliothek lebte. Astromaus betrachtete sich im Spiegel und musste zugeben, dass er nicht ganz unrecht hatte. Nur die roten Wangen, die sie vom vielen Putzen bekommen hatte, verrieten noch, dass sich unter der Staubschicht eine äußerst lebendige kleine Maus befand.
Langsam begann Astromaus zu begreifen, dass ihr großer Plan einige Schwachstellen hatte. Sie hatte sich vorgenommen, die gesamte Sternwarte in wenigen Stunden blitzblank zu machen, dabei aber vollkommen vergessen, dass manche Dinge Zeit brauchten. Außerdem hatte sie dauernd neue Aufgaben begonnen, bevor die alten erledigt waren. Sie betrachtete die Liste, auf der mittlerweile sogar ein kleiner Fußabdruck zu sehen war, und seufzte. So viele Punkte waren noch offen! Die Fenster mussten nachgewischt werden, der Boden war stellenweise noch feucht, die Bücher lagen teilweise unsortiert herum und irgendwo unter dem Tisch versteckte sich immer noch der kleine Mond, der beim planetarischen Zusammenstoß davongerollt war. Für einen kurzen Moment war Astromaus ziemlich enttäuscht. Sie hatte doch nur alles besonders schön machen wollen.
Lou bemerkte sofort, dass seine Freundin plötzlich ungewöhnlich still geworden war. Er kannte Astromaus gut genug, um zu wissen, dass hinter ihrer Begeisterung manchmal auch die Sorge steckte, etwas nicht richtig hinzubekommen. Deshalb setzte er sich neben sie und betrachtete gemeinsam mit ihr die lange Liste. Dabei fiel ihm auf, dass Astromaus sich selbst für Dinge verantwortlich machte, die eigentlich gar nicht schlimm waren. Ein umgekippter Eimer war ärgerlich, aber kein Weltuntergang. Ein verstaubter Schreibtisch war lästig, aber sicher keine Katastrophe. Und eine Sternwarte, in der gearbeitet, gelacht, geforscht und manchmal auch ein wenig Chaos veranstaltet wurde, durfte ruhig zeigen, dass dort jemand lebte. Lou erinnerte Astromaus daran, dass selbst große Forschungsprojekte nicht dadurch gelangen, dass eine einzige Person versuchte, alles auf einmal zu erledigen. Wissenschaftler arbeiteten in Teams, verteilten Aufgaben, prüften ihre Ergebnisse und halfen einander, wenn etwas nicht nach Plan verlief. Wenn das bei großen Raumfahrtmissionen funktionierte, musste es doch auch bei einem Frühjahrsputz möglich sein.
Astromaus dachte eine Weile darüber nach. Dann betrachtete sie Lou, der immer noch ein kleines Schaumflöckchen hinter seinem rechten Ohr hatte, und musste lächeln. Natürlich hatte er recht. Gemeinsam waren sie schon so vielen Rätseln des Universums auf die Spur gekommen. Sie hatten schwierige Zusammenhänge verstanden, knifflige Probleme gelöst und sich gegenseitig Mut gemacht, wenn einmal etwas nicht sofort gelang. Warum sollte das ausgerechnet beim Putzen anders sein? Astromaus nahm ihren großen Plan, strich die Hälfte der Aufgaben durch und schrieb darüber in großen Buchstaben: ERST EINE SACHE FERTIG MACHEN, DANN DIE NÄCHSTE! Lou fand diese Änderung ausgesprochen vernünftig. Besonders gefiel ihm, dass Astromaus direkt darunter einen weiteren Punkt ergänzte: PAUSEN SIND ERLAUBT! Diesen Satz unterstrich Lou vorsichtshalber gleich dreimal.
Von diesem Moment an wurde der Frühjahrsputz tatsächlich wesentlich angenehmer. Astromaus kümmerte sich um die niedrigen Regale, während Lou die Bücher sortierte. Gemeinsam sammelten sie die verstreuten Sternkarten ein, fanden den verschwundenen kleinen Mond unter dem Tisch und brachten sämtliche Planetenmodelle wieder in die richtige Reihenfolge. Die Fensterscheiben wurden mit klarem Wasser nachgewischt, bis die Schaumreste verschwunden waren. Den Boden trockneten sie sorgfältig, sodass niemand mehr unfreiwillig Eiskunstlauf betreiben musste. Selbst der alte Staubsauger bekam eine Pause, was dieser offenbar dringend nötig hatte. Jedenfalls gab er nach dem Ausschalten noch ein letztes beleidigtes Brummen von sich, als würde er sich darüber beschweren, dass heute einfach zu viel von ihm verlangt worden war.
Am späten Nachmittag war die Sternwarte schließlich so sauber, wie sie schon lange nicht mehr gewesen war. Die Fenster glänzten, die Bücher standen ordentlich in ihren Regalen und die Sternkarten lagen wieder an den richtigen Plätzen. Sogar die geheimnisvolle Tassenkolonie unter Astromaus‘ Schreibtisch war entdeckt und vollständig aufgelöst worden. Es waren übrigens tatsächlich sieben Tassen gewesen. In einer davon hatte Astromaus einen alten Bleistift gefunden, in einer anderen drei Büroklammern und in der größten eine einzelne Erdnuss. Lou hatte keine Ahnung, wie eine Erdnuss dorthin gelangt war. Er fand allerdings, dass man nicht jedes Rätsel des Universums unbedingt lösen musste. Manche Geheimnisse durften ruhig Geheimnisse bleiben.
Astromaus trat zufrieden einen Schritt zurück und betrachtete ihr Werk. Nun war endlich alles fertig. Nichts lag mehr auf dem Boden, kein Staub tanzte mehr in den Sonnenstrahlen und selbst die große Kuppel sah wieder ordentlich aus. Lou stand neben ihr und freute sich ebenfalls. Nicht nur, weil sie die Arbeit gemeinsam geschafft hatten, sondern vor allem, weil der Frühjahrsputz nun endlich vorbei war. Er stellte sich bereits vor, wie er sein Kissen wieder vor die Sternwarte tragen und den restlichen Nachmittag gemütlich in der Sonne verbringen würde. Doch während er noch darüber nachdachte, bemerkte er, dass Astromaus plötzlich nachdenklich die Stirn runzelte. Ihr Blick wanderte langsam von der Tür zum Garten, dann zum Geräteschuppen und schließlich zum kleinen Raum unter der Treppe. Lou folgte ihrem Blick und bekam ein ungutes Gefühl.
Astromaus hatte nämlich gerade festgestellt, dass sie bei ihrem großen Frühjahrsputz etwas vollkommen vergessen hatten. Den Geräteschuppen! Dort standen noch die alten Gartengeräte, einige Blumentöpfe, mehrere Kisten und mindestens zwei Dinge, deren ursprünglichen Zweck niemand mehr kannte. Eigentlich wäre es doch wunderbar, wenn sie diesen Raum auch noch schnell aufräumen würden. Schließlich waren sie nun so schön in Übung. Astromaus öffnete bereits den Mund, um ihren Vorschlag zu verkünden, als Lou blitzschnell reagierte. Er schnappte sich sein Lieblingskissen, rannte zur Tür hinaus und verschwand hinter dem großen Apfelbaum. Dabei war er so schnell, dass Astromaus sich ernsthaft fragte, ob er heimlich einen Raketenantrieb eingebaut hatte. Sie schaute ihm verblüfft hinterher, betrachtete dann den Geräteschuppen und schließlich ihre inzwischen ziemlich zerknitterte Liste. Nach einem kurzen Moment musste sie lachen. Vielleicht war es wirklich besser, den Geräteschuppen auf einen anderen Tag zu verschieben. Schließlich konnte man nicht das gesamte Universum an einem einzigen Nachmittag erforschen. Und einen Geräteschuppen offenbar auch nicht.
Wenig später saßen die beiden gemütlich vor der Sternwarte. Die Abendsonne färbte den Himmel golden, ein paar Vögel zwitscherten in den Zweigen und über den Blumen summten die ersten Hummeln. Astromaus hatte zwei Becher mit frischem Kakao mitgebracht, und Lou lag zufrieden auf seinem Kissen. Sie betrachteten die blitzblanken Fenster ihrer Sternwarte, die im warmen Licht glänzten, und fühlten sich ein bisschen wie nach einer besonders anstrengenden Raumfahrtmission. Es war schön, etwas gemeinsam geschafft zu haben. Noch schöner war allerdings die Erkenntnis, dass man nicht immer alles allein machen musste und dass selbst ein gründlich misslungener Anfang zu einem guten Ende führen konnte, wenn man zusammenhielt. Astromaus lehnte sich zufrieden zurück. Sie hatte heute eine Menge gelernt. Über Staub, über Schaum, über rutschige Fußböden und vor allem darüber, dass Lou selbst mit einer gewaltigen Schaumfrisur ein ausgesprochen guter Freund war.
Als später die Dämmerung hereinbrach, gingen die beiden noch einmal in die Sternwarte. Draußen erschienen bereits die ersten Sterne, und durch die frisch geputzten Fenster konnten sie wunderbar den langsam dunkler werdenden Himmel beobachten. Astromaus setzte sich neben Lou und betrachtete die vertrauten Sternbilder. Es war ein friedlicher Augenblick, wie sie ihn beide liebten. Keine Eimer, keine Staubwedel, keine davonsausenden Wäschekörbe. Nur die beiden Freunde und das unendlich große Universum über ihnen. Astromaus wurde langsam müde. Lou gähnte ebenfalls und kuschelte sich ein wenig tiefer in sein Kissen. Vielleicht würden sie in dieser Nacht wieder von einer aufregenden Reise zwischen den Sternen träumen. Vielleicht würden sie einen fernen Planeten besuchen oder durch die gewaltigen Ringe des Saturn fliegen. Eines stand jedenfalls fest: Ganz gleich, wohin ihre Träume sie führten, sie würden immer gemeinsam unterwegs sein.
Doch genau in diesem Moment hörte Lou ein leises Geräusch. Es kam aus der Ecke hinter dem großen Schreibtisch. Ein winziges Kratzen, dann ein Rascheln und schließlich ein verdächtiges Klappern. Lou öffnete ein Auge. Astromaus richtete sich neugierig auf. Beide schauten in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Dort bewegte sich plötzlich etwas. Langsam, ganz langsam schob sich ein kleiner grauer Gegenstand unter dem Schreibtisch hervor. Er rollte ein Stück über den frisch gewischten Boden, blieb stehen und begann sich dann im Luftzug erneut zu bewegen. Astromaus beugte sich vor und erkannte schließlich, was es war: eine gewaltige Staubfluse, die sich offenbar den ganzen Tag erfolgreich vor ihnen versteckt hatte.
Die kleine graue Kugel rollte noch ein Stück weiter und blieb genau zwischen Astromaus und Lou liegen.
Astromaus betrachtete sie mit großen Augen. Dann wanderte ihr Blick ganz langsam zu dem Staubwedel, der ordentlich neben der Tür stand.
Lou bemerkte diesen Blick sofort.
Er stand auf, ging entschlossen zum Lichtschalter und machte das Licht aus.
Für heute war die Sternwarte sauber genug.
Und die Staubfluse durfte bleiben.
Zumindest bis zum nächsten Frühjahrsputz.
Eine Geschichte über zwei Freunde, einen etwas übertriebenen Putzplan und die wunderbare Erkenntnis, dass gemeinsam vieles leichter wird – selbst wenn dabei gelegentlich das halbe Sonnensystem durcheinandergerät.



