Der Tag, an dem Lou den Mond wecken wollte

Astromaus & Lou – Der Tag, an dem Lou den Mond wecken wollte

Es war ein heller Vormittag, an dem die Sonne über der Sternwarte stand und alles so gewöhnlich aussah, dass Lou eigentlich gar keinen Grund gehabt hätte, misstrauisch zu werden. Die Wiese war trocken, die Bäume bewegten sich nur leicht im Wind, und Astromaus saß an einem kleinen Tisch auf der Terrasse, um einige Beobachtungsnotizen zu ordnen. Lou dagegen hatte eine sehr viel wichtigere Aufgabe übernommen: Er wollte überprüfen, ob vom Frühstück noch irgendwo ein Keks übrig geblieben war.

Bei dieser Suche hob er zufällig den Kopf.

Und da war er.

Der Mond.

Mitten am hellen Himmel.

Lou blieb stehen und schaute nach oben, als hätte jemand plötzlich ein Sofa auf das Dach der Sternwarte gestellt. Er blinzelte, sah noch einmal hin und wurde zunehmend unruhig. Der Mond hing tatsächlich dort, obwohl es überhaupt nicht Nacht war. Die Sonne schien, Vögel flogen über die Bäume, und irgendwo in der Nähe rumpelte ein Lieferwagen über die Straße. Für Lou passte das überhaupt nicht zusammen.

In seinem Kopf war die Sache bisher sehr übersichtlich gewesen. Tagsüber war die Sonne zuständig, nachts der Mond. So hatte die Welt bislang hervorragend funktioniert. Man konnte sich auf die Aufgabenverteilung verlassen. Doch nun stand der Mond bereits am Himmel, obwohl sein Dienst nach Lous Vorstellung noch gar nicht begonnen hatte.

Er ging ein paar Schritte über die Terrasse, blieb wieder stehen und sah hinauf. Der Mond bewegte sich natürlich nicht sichtbar von der Stelle. Genau das machte die Sache noch verdächtiger.

Lou begann ernsthaft darüber nachzudenken, ob der Mond vielleicht zu früh aufgewacht war.

Vielleicht hatte er schlecht geschlafen. Vielleicht war er aus irgendeinem Grund mitten am Tag wach geworden und wusste nun selbst nicht recht, was er tun sollte. Vielleicht war irgendwo im Weltall ein Wecker falsch eingestellt.

Diese letzte Möglichkeit gefiel Lou besonders gut.

Während Astromaus weiterhin ihre Unterlagen sortierte, lief Lou zur Tür der Sternwarte, verschwand im Inneren und kam wenig später mit einem Fernglas zurück. Er stellte sich mitten auf die Terrasse und untersuchte den Mond so genau, wie es am hellen Himmel möglich war. Danach wirkte er noch besorgter als zuvor.

Der Mond sah nämlich überhaupt nicht müde aus.

Er hing einfach dort.

Lou suchte nach einer Erklärung, fand aber keine, die ihm gefiel. Schließlich kam er zu dem Schluss, dass man den Mond vermutlich noch einmal richtig wecken musste. Wenn er schon tagsüber herumhing, sollte er wenigstens wissen, dass er da war.

Er begann mit einer sehr einfachen Methode.

Zuerst winkte er.

Der Mond reagierte nicht.

Dann sprang Lou ein paarmal hoch, wobei er beim dritten Sprung beinahe über eine Gießkanne stolperte. Der Mond blieb völlig unbeeindruckt.

Lou holte tief Luft und rief nach oben. Astromaus schaute kurz auf, sagte aber nichts, weil sie inzwischen neugierig geworden war, wie weit Lou diese Sache treiben würde.

Er rief ein zweites Mal.

Keine Reaktion.

Nun war Lou überzeugt, dass der Mond besonders fest schlief.

Das erforderte größere Maßnahmen.

Er verschwand erneut in der Sternwarte und kam diesmal mit einem kleinen Handglöckchen zurück, das normalerweise neben der Eingangstür hing. Lou stellte sich auf die Terrasse, klingelte in Richtung Himmel und wartete.

Der Mond schlief offenbar weiter.

Astromaus legte langsam ihren Stift zur Seite.

Lou klingelte noch einmal.

Ein Vogel im Baum erschrak und flog davon.

Der Mond blieb.

Lou sah dem Vogel hinterher und war kurz zufrieden, weil wenigstens irgendjemand reagiert hatte.

Dann fiel ihm ein, dass er gar nicht den Vogel wecken wollte.

Er brauchte also etwas Besseres.

In der Sternwarte fand er schließlich einen kleinen tragbaren Lautsprecher. Astromaus beobachtete, wie Lou das Gerät nach draußen trug und auf einen Stuhl stellte. Nun war endgültig klar, dass der Vormittag interessanter werden würde als geplant.

Lou suchte nach einem passenden Geräusch. Etwas, das sogar einen sehr tief schlafenden Mond wecken konnte.

Ein Weckerklingeln erschien ihm zu gewöhnlich. Musik vielleicht. Oder eine Rakete. Vielleicht brauchte man im Weltall andere Töne.

Er entschied sich für ein besonders lautes Signal, das eigentlich nur dafür gedacht war, Geräte zu testen.

Als es losging, erschrak Astromaus so sehr, dass ihr mehrere Zettel vom Tisch rutschten.

Lou wiederum blickte erwartungsvoll zum Himmel.

Der Mond reagierte nicht.

Astromaus sammelte ihre Zettel wieder ein und versuchte, ernst zu bleiben.

Lou war inzwischen fassungslos. In seinem Verständnis hatte der Mond gerade ein Glockenkonzert, mehrere Rufe und einen technischen Testalarm verschlafen. Das konnte nicht normal sein.

Vielleicht, dachte er, war der Mond nicht müde, sondern einfach sehr weit weg.

Diese Erkenntnis war immerhin ein Fortschritt.

Lou holte das Fernglas erneut und begann, den Mond genauer zu betrachten. Dabei entdeckte er etwas, das seine Verwirrung noch größer machte. Der Mond sah nicht einmal vollständig rund aus. Es war nur ein Teil zu sehen.

Nun wurde die Lage kompliziert.

Vielleicht war der Mond tatsächlich da, aber noch nicht ganz fertig.

Das passte erstaunlich gut zu Lous Vorstellung. Vielleicht wurde der Mond jeden Abend irgendwo im Hintergrund vorbereitet und war diesmal zu früh herausgerutscht.

Astromaus erkannte an seinem Gesicht, dass sich gerade wieder eine besonders eigenwillige Theorie entwickelte.

Sie setzte sich neben ihn auf die Terrasse und ließ ihn zunächst erzählen, was seiner Meinung nach passiert war. Lou erklärte sehr ausführlich, dass der Mond offenbar seinen Zeitplan durcheinandergebracht habe. Er sei mitten am Tag aufgetaucht, schlafe möglicherweise noch halb und sehe außerdem nicht einmal vollständig aus.

Astromaus musste lächeln.

Dann begann sie, ihm die Sache zu erklären.

Der Mond war tagsüber überhaupt nicht an einem falschen Ort. Er war auch nicht zu früh wach geworden und ganz sicher nicht aus Versehen am Himmel gelandet. Er umkreiste die Erde ständig, unabhängig davon, ob bei ihnen gerade Tag oder Nacht war. Manchmal stand er in einer Richtung, in der man ihn tagsüber gut sehen konnte. Wenn der Himmel klar genug war und seine beleuchtete Seite passend zur Erde stand, war der Mond durchaus sichtbar, obwohl die Sonne noch schien.

Lou hörte aufmerksam zu und blickte immer wieder nach oben.

Das war für ihn zunächst schwer zu akzeptieren.

In seiner Vorstellung bedeutete heller Himmel automatisch Sonne und dunkler Himmel Mond. Dass beide gleichzeitig am Himmel sein konnten, wirkte fast so, als würden zwei verschiedene Schichten durcheinandergeraten.

Astromaus erklärte weiter, dass der Mond nicht selbst leuchtete. Er wurde von der Sonne angestrahlt und reflektierte einen Teil dieses Lichts. Deshalb konnte man ihn auch am Tag sehen. Die Sonne war dann natürlich sehr viel heller, aber der Mond verschwand dadurch nicht einfach.

Lou begann langsam zu verstehen.

Dann kam ihm eine neue Frage.

Wenn der Mond tagsüber zu sehen war, konnte es also auch passieren, dass er nachts gar nicht da war.

Genau das konnte tatsächlich passieren, je nachdem, wo sich der Mond auf seiner Bahn um die Erde befand und zu welcher Tageszeit man hinsah.

Diese Vorstellung gefiel Lou überhaupt nicht.

Er hatte sich den Mond bislang als zuverlässigen Nachtarbeiter vorgestellt.

Astromaus erklärte ihm, dass der Mond keinen Dienstplan brauche. Er bewege sich auf seiner Bahn weiter und sei manchmal nachts, manchmal tagsüber und manchmal nur für eine gewisse Zeit sichtbar. Seine Stellung im Verhältnis zu Erde und Sonne entschied darüber, wann und wie man ihn sehen konnte.

Lou sah zum Mond und wirkte nun weniger besorgt.

Stattdessen war er beeindruckt.

Er hatte den Mond all die Zeit behandelt wie jemanden, der zu spät oder zu früh zur Arbeit erschienen war, dabei hatte er einfach nur seine Bahn gezogen.

Das Weckglöckchen kam Lou plötzlich ziemlich überflüssig vor.

Er räumte es weg.

Den Lautsprecher ebenfalls.

Astromaus war sehr erleichtert.

Doch ganz abgeschlossen war die Sache für Lou noch nicht.

Am Nachmittag beobachtete er den Mond immer wieder. Er stellte fest, dass er langsam seine Position am Himmel veränderte. Natürlich bewegte sich der Himmel durch die Erdrotation scheinbar weiter, doch für Lou sah es aus, als würde der Mond gemütlich durch den Tag wandern.

Er fand das zunehmend faszinierend.

Später holten Astromaus und Lou eine kleine Himmelskarte und schauten gemeinsam nach, in welcher Phase der Mond gerade stand. Lou verstand nun, warum er nicht vollständig rund aussah. Je nachdem, wie Sonne, Erde und Mond zueinander standen, sah man unterschiedlich viel von der beleuchteten Mondhälfte.

Das machte die Sache noch spannender.

Lou hatte an diesem Morgen gedacht, der Mond sei zu früh aufgestanden.

Am Nachmittag wusste er, dass er überhaupt keinen Wecker brauchte.

Am Abend stand Lou wieder auf der Terrasse. Die Sonne war inzwischen tiefer gesunken, und der Himmel wurde langsam dunkler. Der Mond war immer noch zu sehen.

Lou schaute nach oben und war nun zufrieden.

Er hatte begriffen, dass der Mond sich nicht nach seinem persönlichen Zeitplan richtete.

Trotzdem holte er das kleine Glöckchen noch einmal aus der Sternwarte.

Astromaus sah ihn sofort skeptisch an.

Lou erklärte, dass er es nicht mehr zum Wecken brauche.

Er wolle dem Mond nur gute Nacht sagen.

Astromaus musste lachen.

Lou klingelte einmal ganz leise in Richtung Himmel.

Diesmal erschrak kein Vogel.

Der Mond reagierte natürlich ebenfalls nicht.

Aber Lou war sich sicher, dass er es irgendwie gehört hatte.

Und seit diesem Tag schaute er auch am Vormittag öfter nach oben.

Denn er hatte gelernt, dass der Mond nicht nur zur Nacht gehörte.

Manchmal war er schon längst da, während alle anderen noch glaubten, sie müssten bis zum Abend auf ihn warten.

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