Der Abend hatte eigentlich perfekt begonnen. Schon am Nachmittag war der Himmel klar gewesen, und als die Sonne hinter den Bäumen verschwand, zeigte sich kein einziges größeres Wolkenfeld. Astromaus hatte deshalb früh beschlossen, dass dies eine ausgezeichnete Nacht zum Beobachten werden würde. Sie trug ihre Sternkarten in die Sternwarte, legte das Beobachtungsbuch bereit und prüfte noch einmal, welche Himmelsobjekte sie sich ansehen wollte. Lou kümmerte sich unterdessen um die Dinge, die er für mindestens genauso wichtig hielt: eine warme Decke, zwei Becher Kakao und eine kleine Dose mit Keksen, deren Inhalt er nach eigener Aussage nur deshalb überprüfte, damit später niemand überrascht feststellen musste, dass zu wenige vorhanden waren.
Als es dunkel genug geworden war, öffneten sie die Kuppel der Sternwarte. Kalte Nachtluft strömte herein, und über ihnen spannte sich ein Himmel voller Sterne. Astromaus stand einen Moment lang einfach nur da und schaute nach oben. Sie liebte diesen Augenblick, wenn die letzten Farben des Tages verschwanden und nach und nach immer mehr Sterne sichtbar wurden. Lou setzte sich neben sie und blickte ebenfalls hinauf, obwohl er zwischendurch immer wieder prüfte, ob seine Keksdose noch dort stand, wo er sie abgestellt hatte.
Der Himmel sah hervorragend aus. Keine Wolken, kaum Wind und eine Luft, die so ruhig wirkte, dass Astromaus sich bereits ausmalte, wie scharf die Bilder im Teleskop werden könnten. Sie wollte zunächst den Mondrand beobachten und später noch einige Sterne und Sternhaufen. Lou fand den Plan gut, vor allem den Teil, bei dem sie später unter einer Decke sitzen und Kakao trinken würden.
Gemeinsam richteten sie das Teleskop aus. Astromaus überprüfte die Einstellungen, Lou half beim Tragen der kleinen Zubehörkiste und warf einen Blick auf die Sternkarte. Alles verlief ohne Schwierigkeiten. Selbst das Teleskop ließ sich sofort auf das erste Ziel einstellen. Astromaus war zufrieden und beugte sich zum Okular.
Doch statt eines klaren Bildes sah sie etwas Merkwürdiges.
Das Bild wirkte weich und milchig.
Sie blinzelte, nahm das Auge weg und sah erneut hindurch. Es war nicht besser. Dort, wo sie eigentlich feine Strukturen und scharfe Lichtpunkte erwartet hatte, war alles verschwommen. Astromaus stellte die Schärfe nach, erst ein wenig, dann etwas mehr. Das Bild blieb seltsam.
Sie überprüfte das Okular.
Dann stellte sie noch einmal nach.
Nichts.
Astromaus richtete das Teleskop auf einen helleren Stern. Auch dort war das Ergebnis nicht besser. Der Stern sah nicht wie ein sauberer Lichtpunkt aus, sondern eher wie ein kleiner heller Fleck hinter einer dünnen Milchglasscheibe.
In Astromaus‘ Kopf begann sofort die große Fehlersuche.
Vielleicht war etwas mit dem Teleskop nicht in Ordnung. Vielleicht hatte sich die Schärfeeinstellung verstellt. Vielleicht hatte Lou beim Tragen der Zubehörkiste versehentlich etwas berührt. Vielleicht war eine Linse verschmutzt.
Lou stand daneben und beobachtete, wie Astromaus immer schneller zwischen Okular, Einstellknöpfen und Sternkarte hin und her wechselte. Er sagte zunächst nichts. Er wusste, dass Astromaus in solchen Momenten gerne selbst herausfinden wollte, wo das Problem lag.
Doch dann geschah etwas, das Astromaus wirklich beunruhigte.
Sie trat einen Schritt zurück und blickte direkt in den Himmel.
Dort waren deutlich weniger Sterne zu sehen als noch vor einer Viertelstunde.
Astromaus sah nach links, dann nach rechts und schließlich wieder nach oben. Einige der schwächeren Sterne waren tatsächlich verschwunden. Die Milchstraße, die vorher gut zu erkennen gewesen war, wirkte blasser. Selbst die helleren Sterne erschienen weniger deutlich.
Jetzt wurde die Sache ernst.
Für einen kurzen Moment entstand in Astromaus‘ Kopf eine Vorstellung, die so absurd war, dass sie sie selbst eigentlich sofort hätte verwerfen müssen. Trotzdem blieb sie dort.
Vielleicht war nicht das Teleskop das Problem.
Vielleicht verschwand der Himmel.
Astromaus trat aus der Sternwarte auf die Terrasse und schaute noch einmal nach oben. Der Himmel war noch da, natürlich. Aber er sah anders aus. Alles wirkte ein wenig gedämpft. Sterne, die sie eben noch gesehen hatte, waren kaum noch zu erkennen.
Lou kam hinterher und sah ebenfalls hinauf.
Astromaus erklärte ihm, dass irgendetwas nicht stimmte. Erst habe das Teleskop kein klares Bild mehr gezeigt, und nun verschwänden auch noch Sterne. Sie wusste selbstverständlich, dass Sterne nicht einfach innerhalb weniger Minuten verschwanden, aber genau deshalb fand sie die Sache so merkwürdig.
Lou schaute sie an, dann zum Teleskop und schließlich zu der kleinen Metallreling am Rand der Terrasse.
Dort glitzerten winzige Tropfen.
Lou beugte sich näher.
Auch auf einem Stuhl lag ein dünner feuchter Film.
Er strich vorsichtig mit einer Pfote über die Lehne und sah sich danach die feuchte Stelle an.
Nun begann er zu lächeln.
Astromaus bemerkte das und fand es überhaupt nicht lustig. Sie war gerade dabei herauszufinden, warum der Himmel verschwunden war, und Lou grinste.
Dann ging Lou zurück zum Teleskop.
Er leuchtete mit einer kleinen roten Lampe schräg über die Vorderseite der Optik.
Sofort wurde sichtbar, was passiert war.
Auf der Glasfläche saßen unzählige winzige Wassertröpfchen.
Astromaus kam näher und sah sie ebenfalls.
Das Teleskop war beschlagen.
Lou erklärte ihr, dass der Himmel nicht verschwunden war und auch die Sterne noch genau dort standen, wo sie sein sollten. Das Problem befand sich viel näher. In der Luft war Feuchtigkeit enthalten, und während der Nacht hatte sich das Teleskop immer weiter abgekühlt. Schließlich war die Oberfläche so kalt geworden, dass sich Wasserdampf aus der Luft daran niederschlug. Viele winzige Tropfen hatten sich auf der Optik gebildet und das Licht gestreut. Dadurch wurde das Bild milchig und unscharf.
Astromaus sah wieder durch das Okular.
Jetzt, wo sie wusste, was passiert war, wirkte alles plötzlich völlig logisch.
Die Sterne waren nicht weg.
Sie wurden nur schlechter sichtbar.
Lou zeigte ihr auch die feuchte Reling und die Tropfen auf den Stühlen. Überall war derselbe Effekt zu beobachten. Die Luft hatte sich in der Nacht abgekühlt, und auf kalten Flächen bildete sich Tau.
Astromaus war erleichtert.
Dann wurde ihr Gesicht ein wenig verlegen.
Sie hatte eben noch ernsthaft darüber nachgedacht, ob der Himmel verschwinden könnte.
Lou grinste nun noch breiter.
Astromaus erklärte sofort, dass sie natürlich nicht wirklich geglaubt habe, der Himmel sei weg. Sie habe lediglich alle Möglichkeiten prüfen wollen.
Lou nickte mit einem Gesichtsausdruck, der deutlich machte, dass er ihr diese Erklärung ungefähr so sehr glaubte wie der Geschichte vom Mondkeks und der Schwerkraft.
Astromaus beschloss, das Thema zu wechseln.
Gemeinsam überlegten sie, was sie tun konnten. Einfach mit einem Tuch über die Optik zu wischen war keine gute Idee. Empfindliche optische Flächen sollte man nicht unnötig berühren, und schon gar nicht hektisch daran herumreiben. Lou erinnerte sich daran, dass sie eine Taukappe und eine kleine Heizmanschette für das Teleskop hatten. Die Heizmanschette konnte die Optik ganz leicht wärmer halten als die Umgebung und so verhindern, dass sich erneut Feuchtigkeit darauf niederschlug.
Astromaus suchte in der Zubehörkiste.
Lou suchte ebenfalls.
Nach zwei Minuten hatten beide ungefähr alles gefunden, außer der Heizmanschette.
Astromaus entdeckte ein Kabel, zwei Okulare, eine Taschenlampe, einen Schraubendreher und einen einzelnen Handschuh, von dem niemand wusste, wem er gehörte.
Lou fand drei Keksbrösel.
Astromaus wollte wissen, wie Keksbrösel in die Teleskopkiste gekommen waren.
Lou fand, dass dies im Moment nicht das wichtigste wissenschaftliche Problem war.
Nach weiterem Suchen entdeckten sie die Heizmanschette schließlich genau dort, wo sie hingehörte. Sie lag ordentlich zusammengerollt in einem kleinen Fach, das beide zuvor mindestens zweimal geöffnet hatten.
Astromaus tat so, als wäre das völlig normal.
Lou tat ebenfalls so.
Gemeinsam befestigten sie die Heizmanschette und warteten.
Das war für Astromaus der schwierigste Teil.
Warten gehörte nicht zu ihren Lieblingsbeschäftigungen.
Nach zwei Minuten sah sie nach.
Noch immer beschlagen.
Nach weiteren zwei Minuten kontrollierte sie erneut.
Lou wies darauf hin, dass ständiges Nachsehen den Vorgang vermutlich nicht beschleunigen würde.
Astromaus fand, dass regelmäßige Kontrolle zu jeder ordentlichen Beobachtung gehörte.
Lou sagte nichts mehr dazu.
Er öffnete stattdessen die Keksdose.
Nach einiger Zeit verschwanden die feinen Tropfen tatsächlich. Die Glasfläche wurde wieder klar, und als Astromaus schließlich vorsichtig durchs Teleskop sah, war der Stern wieder scharf.
Sie rief Lou sofort herbei.
Nun war das Bild wieder so, wie es sein sollte. Die Sterne waren klar, die Konturen sauber, und auch der Himmel wirkte wieder voller Lichtpunkte.
Astromaus war begeistert.
Lou dagegen sah ziemlich zufrieden aus, weil er den wahren Grund schon erkannt hatte, bevor Astromaus den Himmel offiziell für verschwunden erklärt hatte.
Sie beobachteten noch eine ganze Weile weiter. Diesmal achteten beide nicht nur auf den Himmel, sondern auch auf die Temperatur und die Feuchtigkeit. Astromaus fand die ganze Sache inzwischen fast genauso spannend wie die Beobachtung selbst. Es war erstaunlich, dass etwas so Unsichtbares wie Wasserdampf plötzlich als kleine Tropfen auf dem Teleskop sichtbar werden konnte.
Lou betrachtete währenddessen seinen Kakaobecher.
Auch außen an der Tasse hatten sich kleine feuchte Stellen gebildet.
Er zeigte sie Astromaus und stellte fest, dass die Nacht offenbar überall herumtropfte.
Astromaus musste lachen.
Später erklärte sie ihm noch genauer, dass die Luft immer eine bestimmte Menge Wasserdampf enthalten konnte. Wenn Luft oder Oberflächen ausreichend abkühlten und der sogenannte Taupunkt erreicht wurde, konnte ein Teil dieses Wasserdampfs kondensieren. Dann entstanden kleine Wassertropfen. Auf Gras sah man sie morgens als Tau, auf Autoscheiben ebenfalls und eben auch auf einem Teleskop, wenn die Bedingungen passten.
Lou hörte aufmerksam zu und sah danach wieder zum Teleskop.
Er fand, dass ein Taupunkt ein ziemlich freundlicher Name für etwas war, das ihnen beinahe den ganzen Beobachtungsabend verdorben hatte.
Astromaus fand das ebenfalls.
Als sie später die Sternwarte schließen wollten, fiel Astromaus noch einmal ein, wie überzeugt sie für einen kurzen Moment gewesen war, dass etwas mit dem ganzen Himmel nicht stimmte.
Sie hoffte, dass Lou diese Geschichte schnell vergessen würde.
Das tat er natürlich nicht.
Am nächsten Morgen saßen beide beim Frühstück. Astromaus schrieb ihre Beobachtungen ins Notizbuch und hielt fest, dass die hohe Luftfeuchtigkeit zur Taubildung auf der Optik geführt hatte.
Lou saß daneben und zeichnete etwas.
Astromaus war zunächst zu beschäftigt, um darauf zu achten.
Erst als Lou das Blatt zu ihr schob, sah sie, was darauf stand.
Oben hatte er einen großen schwarzen Himmel gezeichnet, darunter eine erschrockene Astromaus und daneben ein vollkommen ruhig dastehendes Teleskop.
Als Überschrift hatte er geschrieben:
„Die Nacht, in der der Himmel kurz verschwunden war.“
Astromaus sah Lou an.
Lou versuchte, ernst zu bleiben.
Es gelang ihm nicht.
Astromaus griff nach dem Stift und ergänzte unter der Zeichnung:
„Wissenschaftliche Korrektur: Der Himmel war die ganze Zeit da.“
Lou schrieb darunter:
„Behauptet Astromaus.“
Damit war jede Hoffnung auf eine würdige Dokumentation des Vorfalls verloren.
Die Zeichnung landete später trotzdem an der Pinnwand der Sternwarte, direkt neben der Sternkarte mit den Kakaoflecken.
Und von diesem Tag an überprüfte Astromaus vor jeder längeren Beobachtung nicht nur das Teleskop, die Sternkarten und die Wettervorhersage, sondern auch die Luftfeuchtigkeit und den Taupunkt.
Lou übernahm dafür eine andere wichtige Aufgabe.
Er sorgte dafür, dass genügend Kekse vorhanden waren, falls sie wieder einmal warten mussten, bis der Himmel zurückkam.
Astromaus verbesserte ihn jedes Mal und erklärte, dass nicht der Himmel zurückkommen müsse, sondern nur die Optik wieder frei werden solle.
Lou wusste das inzwischen natürlich ganz genau.
Aber seine Version war eindeutig lustiger.



