An diesem Vormittag war in der Sternwarte Aufräumen angesagt, und schon nach den ersten zehn Minuten war Astromaus ziemlich sicher, dass Lou unter „Aufräumen“ etwas völlig anderes verstand als sie. Während Astromaus versuchte, Kabel zu sortieren, alte Sternkarten zu stapeln und die zahlreichen kleinen Kisten mit Zubehör endlich sinnvoll zu beschriften, nahm Lou mit großer Begeisterung Gegenstände aus einer Kiste heraus, betrachtete sie ausführlich und legte sie anschließend in eine andere. Auf diese Weise sah der Raum nach einer Weile nicht ordentlicher, sondern lediglich anders unordentlich aus. Astromaus hatte bereits mehrmals erklärt, dass das Ziel des Aufräumens eigentlich darin bestand, Dinge wiederzufinden, doch Lou war der Meinung, er könne fast alles wiederfinden, solange man ihm genügend Zeit gebe. Dass „genügend Zeit“ bei ihm unter Umständen einen halben Nachmittag bedeutete, erwähnte er vorsichtshalber nicht.
Zwischen zwei hohen Regalen entdeckte Lou schließlich einen großen silbernen Transportbehälter, der so lange nicht bewegt worden war, dass auf dem Deckel eine deutliche Staubschicht lag. Das machte ihn sofort interessant. Lou wischte mit der Pfote darüber, worauf eine kleine Staubwolke aufstieg, die ihm direkt in die Nase zog und drei kräftige Nieser entlockte. Astromaus sah kurz auf, bemerkte den Behälter und erinnerte sich daran, dass darin ein alter Trainingsraumanzug lag, der früher für Demonstrationen verwendet worden war. Sie erklärte Lou, dass der Anzug viel zu groß für ihn sei und sie ihn besser erst später ordentlich wegpacken würden. Lou nickte verständnisvoll, was bei ihm leider nicht automatisch bedeutete, dass er nicht trotzdem sofort wissen wollte, wie sich ein viel zu großer Raumanzug anfühlte.
Als Astromaus wenig später nach draußen ging, um eine Kiste mit Ersatzteilen hereinzuholen, blieb Lou allein zurück und warf nur noch einen einzigen Blick auf den silbernen Behälter. Dieser eine Blick genügte. Er hob den Deckel an und entdeckte einen beeindruckenden weißen Anzug mit großen Handschuhen, schweren Stiefeln und einem breiten Oberteil. Daneben lag der Helm, der so groß wirkte, dass Lou für einen Moment überlegte, ob er darin vielleicht sogar frühstücken könnte. Eigentlich wollte er den Anzug nur kurz anschauen, dann wollte er lediglich einen Stiefel anprobieren, und wenige Augenblicke später hatte er bereits beide Beine hineingesteckt. In Lous Vorstellung war das noch immer keine richtige Anprobe, sondern lediglich eine vorsichtige Untersuchung.
Das erste Problem entstand bereits beim Aufstehen. Seine eigenen Beine endeten weit oberhalb der großen Stiefel, sodass er im Inneren des Anzugs eher hing als stand. Als Lou versuchte, sich aufzurichten, rutschte das Oberteil nach unten und schob sich über seinen Kopf. Plötzlich war von Lou nichts mehr zu sehen. Mitten im Lagerraum stand nur noch ein riesiger Raumanzug, der sich leicht hin und her bewegte und aus dessen Innerem gedämpftes Schnaufen kam. Lou versuchte, seine Arme in den Ärmeln nach vorne zu schieben, doch die Handschuhe befanden sich so weit entfernt, dass er sie kaum erreichen konnte. Seine Pfoten verschwanden irgendwo im Stoff, die Beine des Anzugs bildeten Falten auf dem Boden, und bei jedem Versuch, einen Schritt zu machen, bewegte sich der Anzug weniger in eine klare Richtung als vielmehr gleichzeitig nach vorne, zur Seite und ein kleines Stück nach unten.
Lou war trotzdem überzeugt, dass er die Sache unter Kontrolle hatte. Er brauchte nur einen Weg zurück zum Transportbehälter. Also versuchte er, sich vorsichtig umzudrehen, wobei einer der übergroßen Stiefel gegen einen kleinen Hocker stieß. Der Hocker kippte um, Lou erschrak, machte instinktiv einen Schritt zur Seite und rempelte einen Stapel leerer Kunststoffkisten an. Eine Kiste fiel auf die nächste, dann rollte ein Deckel quer durch den Raum und verschwand unter einem Regal. Lou blieb mitten im Durcheinander stehen und beschloss, sich nun besser gar nicht mehr zu bewegen.
Genau in diesem Moment kam Astromaus zurück.
Sie blieb in der Tür stehen und brauchte nur wenige Sekunden, um die Lage zu erfassen. Vor ihr stand ein riesiger Raumanzug, der leicht schwankte, während um ihn herum ein Hocker, zwei Kisten und ein Deckel auf dem Boden lagen. Aus der Brustregion des Anzugs kam ein leises Geräusch, das eindeutig zu Lou gehörte. Astromaus stellte die Ersatzteilkiste ab, ging langsam näher und versuchte, ernst zu bleiben. Das gelang ihr ungefähr so lange, bis sich oben im Anzug ein kleines schwarzes Ohr zeigte und gleich wieder verschwand.
Lou erklärte aus dem Inneren, dass der Anzug möglicherweise ein kleines bisschen zu groß geraten sei. Astromaus betrachtete die schweren Stiefel, die fast doppelt so lang waren wie seine eigenen Füße, und musste schließlich lachen. Nicht, weil Lou in Schwierigkeiten steckte, sondern weil „ein kleines bisschen“ wirklich die großzügigste Beschreibung der Situation war. Sie öffnete mehrere Verschlüsse und zog den oberen Teil vorsichtig auseinander. Zuerst kam ein Ohr zum Vorschein, dann das zweite, schließlich Lous Kopf, dessen Fell in alle Richtungen stand. Er sah aus, als hätte er gleichzeitig in einem Kleiderschrank, einem Schlafsack und einem Wäschekorb festgesteckt.
Astromaus half ihm weiter heraus, wobei Lou erstaunlich lange brauchte, bis auch die letzte Pfote wieder dort war, wo sie hingehörte. Als er schließlich auf dem Boden saß und den riesigen Anzug vor sich betrachtete, wirkte er deutlich weniger beeindruckt als noch einige Minuten zuvor. Astromaus nutzte die Gelegenheit und erklärte ihm, warum ein Raumanzug eben nicht einfach nur irgendeine große Jacke mit Helm war. Ein richtiger Raumanzug musste genau passen, weil Astronauten darin arbeiten, Werkzeuge bedienen, Leitern benutzen und sich kontrolliert bewegen mussten. Wenn ein Anzug viel zu groß war, konnte man wichtige Bedienelemente nicht richtig erreichen, man verlor an Beweglichkeit und konnte im schlimmsten Fall kaum noch sicher stehen oder laufen. Lou hörte diesmal sehr aufmerksam zu, denn die Theorie passte erstaunlich gut zu dem, was er gerade selbst erlebt hatte.
Je länger Astromaus erklärte, desto mehr verwandelte sich Lous Peinlichkeit wieder in Neugier. Er begann zu verstehen, dass Raumanzüge nicht einfach nur spektakulär aussahen, sondern hochkomplexe Schutzsysteme waren. Sie mussten den Körper in einer Umgebung schützen, in der es keine atembare Luft gab, und gleichzeitig so gebaut sein, dass sich der Mensch darin noch bewegen konnte. Lou sah den großen Trainingsanzug nun mit einem ganz anderen Blick an. Vor wenigen Minuten hatte er ihn noch für ein besonders aufregendes Kleidungsstück gehalten. Jetzt sah er plötzlich all die Verschlüsse, Verstärkungen und Anschlüsse, die vorher einfach nur spannend ausgesehen hatten.
Gemeinsam verstauten sie den Anzug wieder in seinem Behälter. Lou half diesmal besonders ordentlich. Er legte die Handschuhe hinein, rückte die Stiefel zurecht und setzte schließlich den großen Helm daneben. Für einen kurzen Moment blieb sein Blick an dem Helm hängen. Astromaus bemerkte es sofort. Sie kannte diesen Blick inzwischen gut. Er bedeutete meist, dass Lou gerade überlegte, ob ein zweiter Versuch vielleicht doch noch eine gute Idee wäre.
Lou bemerkte wiederum, dass Astromaus ihn beobachtete, und schob den Helm sehr langsam in den Behälter.
Dann schloss er den Deckel.
Astromaus war beeindruckt.
Dieses Gefühl hielt ungefähr fünf Minuten.
Später stand sie am Schreibtisch und schrieb einige Notizen, während Lou im Lagerraum Kabel sortieren sollte. Diesmal war die Aufgabe so eindeutig, dass eigentlich nichts passieren konnte. Astromaus hörte eine Weile nur leises Rascheln und war schon fast überzeugt, dass Lou tatsächlich ganz normal aufräumte, als plötzlich ein dumpfes Geräusch erklang. Danach folgte ein kurzes Scharren, dann noch ein dumpfes Geräusch.
Astromaus legte den Stift weg und ging nachsehen.
Lou war verschwunden.
Mitten im Raum lag stattdessen eine große Transporttasche, die sich leicht bewegte.
Astromaus blieb stehen.
Die Tasche bewegte sich noch einmal.
Dann kam aus dem Inneren Lous Stimme, die erklärte, dass dies diesmal wirklich ein Unfall gewesen sei. Er hatte die Tasche zur Seite räumen wollen, war dabei mit einem Fuß hineingeraten und anschließend so ungeschickt gestolpert, dass er vollständig darin gelandet war.
Astromaus öffnete den Reißverschluss.
Lou saß darin wie ein sehr verlegenes Paket.
Nun musste selbst Astromaus so lachen, dass sie sich am Regal festhalten musste. Lou kletterte aus der Tasche und setzte sich daneben. Auch er begann schließlich zu lachen, denn inzwischen war selbst ihm aufgefallen, dass er an diesem Tag eine besondere Begabung dafür entwickelt hatte, in Dinge hineinzurutschen, die deutlich größer waren als er.
Am Abend saßen beide draußen vor der Sternwarte. Das Aufräumen war inzwischen tatsächlich beendet, obwohl es etwas länger gedauert hatte als geplant. Lou trug wieder seinen normalen blauen Anzug, der genau passte. Seine Ärmel endeten dort, wo sie sollten, seine Pfoten waren sichtbar, und beim Gehen verschwanden seine Füße nicht irgendwo tief in riesigen Stiefeln. Noch nie zuvor hatte er seine eigene Kleidung so praktisch gefunden.
Astromaus bemerkte, wie zufrieden Lou an seinen Ärmeln zupfte, und musste wieder lächeln. Lou hatte inzwischen verstanden, dass etwas nicht automatisch besser wurde, nur weil es größer war. Ein Raumanzug musste nicht möglichst beeindruckend aussehen, sondern zum Träger passen und seine Aufgabe erfüllen. Diese Erkenntnis gefiel ihm sogar so gut, dass er noch eine ganze Weile überlegte, für wen der riesige Trainingsanzug wohl die perfekte Größe haben könnte.
Vielleicht, dachte Lou, gab es irgendwo im Universum ein Wesen, das genau hineinpasste.
Astromaus musste lachen und meinte, dann sei der Anzug vielleicht gar nicht zu groß, sondern nur für Lou völlig ungeeignet.
Mit dieser Erklärung konnte Lou hervorragend leben.
Am nächsten Morgen brachte Astromaus ein neues Schild am silbernen Transportbehälter an. Darauf stand deutlich, dass der Trainingsanzug nicht für Lou geeignet war. Lou las es, nickte und ging weiter, ohne den Deckel auch nur anzufassen.
Astromaus war beeindruckt.
Bis sie bemerkte, dass er vor der großen Transporttasche stehen geblieben war.
Lou betrachtete sie kurz, überlegte sichtbar und ging dann ebenfalls daran vorbei.
Offenbar hatte er tatsächlich etwas gelernt.
Und an diesem Tag verschwand Lou kein einziges Mal in irgendeinem Gegenstand.
Zumindest nicht bis zum Mittag.



