Es begann an einem Nachmittag, an dem Astromaus eigentlich nur etwas Ordnung in das Observatorium bringen wollte. Auf dem Boden standen mehrere leere Kartons, die von neuen Büchern, Kabeln, kleinen Geräten und einer Lieferung Papier übrig geblieben waren. Normalerweise wären sie zusammengefaltet und später entsorgt worden, doch Astromaus blieb mitten im Raum stehen, legte den Kopf schief und betrachtete den größten Karton mit diesem besonderen Blick, den Lou inzwischen sehr gut kannte. Es war der Blick, der bedeutete, dass aus einem völlig gewöhnlichen Gegenstand innerhalb weniger Minuten wahrscheinlich ein Projekt entstehen würde, das deutlich größer wurde als ursprünglich geplant.
Lou saß währenddessen an einem Tisch und sortierte kleine Sternkarten. Er bemerkte, dass Astromaus schon zum dritten Mal um die Kartons herumging, zwischendurch Maß nahm, zwei Kisten übereinanderstellte und schließlich eine besonders lange Verpackung an die Seite lehnte. Spätestens jetzt war klar, dass es mit dem Aufräumen vorbei war. Astromaus hatte eine Idee.
In ihrem Kopf waren die Kartons längst keine Kartons mehr. Der größte wurde zur Hauptkabine, ein zweiter sollte der Maschinenraum werden, zwei schmale Kisten konnten als Seitentriebwerke dienen, und aus den flachen Verpackungen wollte sie Flügel schneiden. Eine alte Rolle Geschenkpapier würde sich hervorragend als Leitungssystem eignen, mehrere Papprollen konnten zu Steuerdüsen werden, und irgendwo im Schrank lagen noch silberne Bastelfolie und farbige Klebebänder. Je länger Astromaus darüber nachdachte, desto weniger erinnerte das Vorhaben an eine kleine Bastelarbeit und desto mehr an den Bau eines Raumfahrzeugs.
Lou erkannte das Problem früher als Astromaus, beschloss aber, sich das Ganze zunächst anzusehen. In seiner Erfahrung war es oft sinnvoller, Astromaus eine Idee erst vollständig entwickeln zu lassen, bevor man vorsichtig darauf hinwies, dass ein Karton keine hitzebeständige Außenhülle besaß und eine Papprolle nur sehr eingeschränkt als Raketentriebwerk geeignet war. Außerdem musste Lou zugeben, dass die Sache interessant aussah.
Astromaus begann mit dem Bau des Cockpits. Sie schnitt zwei runde Fenster in den größten Karton, klebte innen einen kleinen Sitz aus einer umgedrehten Kiste fest und zeichnete auf ein Stück Pappe eine beeindruckende Steuerkonsole mit Schaltern, Anzeigen, Warnlampen und mehreren Knöpfen, deren genaue Funktion noch niemand kannte. Einer davon bekam die Aufschrift Start, ein anderer Landung, ein dritter Notfall, und daneben malte sie einen besonders großen roten Kreis, den sie nur deshalb einbaute, weil jede ernsthafte Rakete ihrer Meinung nach einen Knopf brauchte, den man eigentlich nicht drücken sollte.
Lou half dabei, die Seitenteile zu verstärken, und entdeckte schnell, dass Astromaus bei ihrem Entwurf eine gewisse Vorliebe für immer mehr Bauteile entwickelte. Jedes Mal, wenn er glaubte, die Rakete sei fertig, kam noch etwas hinzu. Zuerst fehlten angeblich die Antennen, dann ein Radargerät, danach ein Stauraum für Mondproben, anschließend eine Halterung für Sternkarten und schließlich ein Fach für Kekse, das Astromaus aus wissenschaftlichen Gründen für unverzichtbar erklärte. Lou hielt das Keksfach sogar für einen der sinnvolleren Teile der Konstruktion.
Am Ende des ersten Nachmittags stand mitten im Observatorium eine erstaunlich große Papp-Rakete, die fast bis unter die Decke reichte. Sie bestand aus fünf Kartons, drei Papprollen, einer Rolle silberner Folie, einem Stück blauem Stoff, zwei alten Küchenrollen, einem ausgedienten Lampenschirm und einer Menge Klebeband. Besonders viel Klebeband.
Lou betrachtete die Konstruktion von allen Seiten und kam zu dem Schluss, dass sie erstaunlich beeindruckend aussah, solange man nicht zu genau hinsah. Aus der Entfernung erinnerte sie tatsächlich an eine richtige Rakete. Aus der Nähe erkannte man allerdings, dass eines der Seitentriebwerke früher einmal eine Verpackung für Küchenpapier gewesen war und die Spitze des Raumfahrzeugs verdächtig nach einem umgedrehten Papierkorb aussah.
Astromaus störte das nicht. Für sie war entscheidend, dass die Rakete einen Namen brauchte.
Nach längerem Überlegen malte sie mit großen Buchstaben „Sternenblitz 1“ auf die Seite. Lou fand, dass der Name etwas zu groß für ein Gefährt war, das nicht einmal durch die Tür passte, doch genau diesen Einwand verschwieg er zunächst. Er war mehr damit beschäftigt, herauszufinden, wie sie die fertige Konstruktion überhaupt wieder aus dem Observatorium bekommen wollten.
Am nächsten Morgen begann die zweite Phase des Projekts. Astromaus war überzeugt, dass eine Rakete nicht nur gut aussehen, sondern auch einen richtigen Startplatz benötigte. Deshalb legte sie auf dem Boden mehrere Kartonplatten aus, malte Startmarkierungen darauf und baute aus einem alten Ventilator eine Art Windmaschine. Dazu kamen zwei Taschenlampen, die als Startbeleuchtung dienen sollten, und ein kleiner Lautsprecher, über den später passende Geräusche abgespielt werden konnten.
Lou wurde zunehmend misstrauisch, als Astromaus zusätzlich eine lange Schnur aus dem Cockpit herausführte und mit einer Konstruktion aus Papierrollen verband. Angeblich sollte das die Startmechanik darstellen. In Wirklichkeit bestand die gesamte Mechanik aus Schnur, Klebeband und einem kleinen Rollbrett, auf das die Rakete gestellt worden war, damit man sie überhaupt bewegen konnte.
Genau dieses Rollbrett wurde später zum wichtigsten Teil der Geschichte.
Am frühen Abend war alles vorbereitet. Die Papp-Rakete stand mitten im Observatorium, das Licht war gedimmt, die Taschenlampen leuchteten von unten auf die Kartonhülle, und aus dem Lautsprecher kamen tiefe Startgeräusche. Astromaus saß im Cockpit und trug sogar eine selbst gebastelte Raumfahrerhaube aus Stoff und Folie. Lou stand daneben und überprüfte mit großer Ernsthaftigkeit eine Checkliste, obwohl auf der Liste fast nur Dinge standen, die Astromaus selbst erfunden hatte.
Die ersten Tests verliefen hervorragend. Das Licht funktionierte, der Lautsprecher funktionierte, die kleine Innenbeleuchtung funktionierte, und sogar der rote Knopf, den eigentlich niemand drücken sollte, blieb unberührt. Astromaus war sehr zufrieden.
Dann kam der Moment des Starts.
Der Plan war eigentlich ganz einfach. Lou sollte langsam an der Schnur ziehen, wodurch die Rakete auf dem Rollbrett ein kleines Stück nach vorne fahren sollte. Gleichzeitig sollten die Startgeräusche abgespielt und der Ventilator eingeschaltet werden, damit es ein wenig nach echtem Raketenstart aussah. Das Ganze war nicht als echte Fortbewegung gedacht, sondern nur als lustiger Test im Observatorium.
Zumindest war das der Plan.
Was niemand berücksichtigt hatte, war, dass der Boden an dieser Stelle ganz leicht abschüssig war.
Zuerst bewegte sich die Rakete nur wenige Zentimeter. Astromaus war begeistert. Lou zog ein wenig stärker an der Schnur. Das Rollbrett setzte sich in Bewegung. Die Papp-Rakete rollte langsam vorwärts, während der Lautsprecher ein gewaltiges Raketendröhnen erzeugte und der Ventilator einen Stapel lose Sternkarten durch den Raum blies.
Für einige Sekunden sah alles fantastisch aus.
Dann wurde die Rakete schneller.
Lou bemerkte zuerst, dass etwas nicht stimmte. Die Schnur wurde plötzlich locker, weil das Rollbrett von allein weiterrollte. Astromaus saß im Cockpit und hielt die Bewegung zunächst für Teil des Plans. Erst als sie an dem Tisch mit den Sternkarten vorbeifuhr, der eigentlich mehrere Meter entfernt bleiben sollte, wurde ihr klar, dass die Sternenblitz 1 offenbar beschlossen hatte, ihr eigenes Startprogramm zu entwickeln.
Die Rakete rollte weiter durch das Observatorium.
Ein Pappflügel streifte einen Stuhl, der sich langsam drehte und dabei eine Rolle Papier vom Tisch schob. Der Ventilator blies weiter, die Startgeräusche dröhnten, und eine kleine silberne Folienverkleidung löste sich vom Seitentriebwerk und flatterte wie eine Fahne hinter der Rakete her.
Lou rannte hinterher.
Astromaus versuchte im Cockpit, einen der gezeichneten Steuerknöpfe zu benutzen, stellte aber schnell fest, dass ein aufgemalter Landeknopf in einer echten Notsituation erstaunlich wenig hilfreich war.
Die Sternenblitz 1 näherte sich nun der Tür zum kleinen Nebenraum.
Das Problem war nur, dass die Rakete breiter als die Tür war.
Astromaus sah die Tür auf sich zukommen und duckte sich instinktiv, obwohl das überhaupt nichts ändern konnte. Lou erreichte endlich die Rückseite des Rollbretts und bekam einen der Kartons zu fassen. Für einen kurzen Moment schien es, als könnte er die Rakete stoppen.
Dann löste sich genau der Karton, an dem er festhielt.
Lou blieb mit dem Seitentriebwerk in der Pfote stehen, während die restliche Rakete weiterrollte.
Das machte die Situation nicht besser.
Kurz vor der Tür traf die Spitze der Sternenblitz 1 auf einen weichen Sitzsack, der glücklicherweise dort lag. Der Sitzsack wurde zusammengeschoben, die Rakete stoppte abrupt und neigte sich langsam nach vorne. Einen langen Augenblick sah es so aus, als würde die gesamte Konstruktion umkippen.
Astromaus hielt sich innen fest.
Lou rannte wieder los.
Die Rakete schwankte einmal nach links, einmal nach rechts und blieb schließlich schief an der Tür stehen.
Es war plötzlich still.
Nur der Lautsprecher spielte noch immer ein triumphales Startgeräusch.
Lou schaltete ihn aus.
Dann sahen beide das Ergebnis.
Ein Seitentriebwerk fehlte, ein Flügel hing schief, die Spitze war eingedellt, mehrere Sterne aus Papier lagen auf dem Boden, und ein Stück silberne Folie hatte sich um eine Lampe gewickelt. Der Karton mit dem Keksfach war dagegen vollkommen unbeschädigt.
Astromaus hielt das für bemerkenswert.
Lou hielt es für typisch.
Nachdem sie die Rakete vorsichtig wieder geradegestellt hatten, mussten beide anfangen zu lachen. Je länger sie das schiefe Gefährt betrachteten, desto lustiger wurde es. Die Sternenblitz 1 hatte zwar keinen Meter abgehoben, aber dafür fast den Nebenraum erreicht, mehrere Sternkarten aufgewirbelt und ein Seitentriebwerk verloren. Für eine Rakete aus Kartons war das eine erstaunlich ereignisreiche erste Mission.
Astromaus beschloss, dass man den Start trotzdem nicht als völligen Fehlschlag bezeichnen konnte. Immerhin hatte sich die Rakete bewegt.
Lou fand, dass auch ein Einkaufswagen sich bewegte und deshalb noch lange nicht ins All flog.
Dieser Gedanke gefiel Astromaus weniger.
Sie machte sich daran, das Seitentriebwerk wieder anzukleben, während Lou die verstreuten Sternkarten einsammelte. Dabei entdeckte er, dass eine Karte unter die Rakete geraten war und nun mehrere Radspuren hatte. Er legte sie demonstrativ auf den Tisch und beschloss, dass diese Spuren ab sofort als offizieller Beweis für die erste Bodenmission der Sternenblitz 1 gelten sollten.
Astromaus war einverstanden.
Nachdem alles wieder halbwegs ordentlich aussah, setzten sie sich nebeneinander vor die Rakete. Durch die geöffnete Kuppel konnten sie den echten Sternenhimmel sehen. Genau dort oben befanden sich die Orte, von denen Astromaus beim Bauen geträumt hatte.
Der Anblick brachte sie auf einen neuen Gedanken. Eine echte Rakete musste ungeheure Kräfte überwinden, musste Treibstoff mitführen, kontrolliert gesteuert werden und exakt berechnet starten. Ihre Papp-Rakete hatte ihnen auf sehr einfache Weise gezeigt, dass selbst eine kleine Bewegung schnell ganz anders verlaufen konnte als geplant.
Lou fand diese Erkenntnis ausgesprochen sinnvoll, besonders weil sie ohne Feuer, echten Treibstoff und einen neuen Krater im Garten ausgekommen waren.
Damit war für diesen Abend klar, dass die Sternenblitz 1 nicht noch einmal gestartet würde.
Am nächsten Morgen stand die Rakete noch immer im Observatorium. Astromaus hatte den schiefen Flügel wieder befestigt, Lou hatte das verlorene Seitentriebwerk angebracht, und auf der Vorderseite klebte nun ein kleines Schild.
Darauf stand:
Sternenblitz 1 – Erste Mission erfolgreich beendet.
Lou ergänzte darunter:
Flughöhe: 0 Meter.
Astromaus ließ das stehen.
Später fügte sie nur noch eine zweite Zeile hinzu:
Zurückgelegte Strecke: erstaunlich weit für Karton.
Von diesem Tag an blieb die Rakete einige Zeit im Observatorium stehen. Besucher wunderten sich über das riesige Papp-Raumschiff, und Astromaus erzählte begeistert von Konstruktion, Startvorbereitung und Mission. Lou ergänzte dann meistens, dass die Rakete beim ersten Start fast ohne Besatzung in den Nebenraum geflogen sei und man bei zukünftigen Raumfahrzeugen vielleicht zuerst über Bremsen nachdenken sollte.
Die wichtigste Regel entstand allerdings erst einige Tage später, als Astromaus wieder mehrere neue Kartons entdeckte und mit verdächtig glänzenden Augen darauf zuging.
Lou stellte sich sofort davor.
Nicht weil er keine neuen Ideen mochte, sondern weil er inzwischen gelernt hatte, dass bei Astromaus zwischen einem leeren Karton und einem vollständigen Raumfahrtprogramm manchmal nur ungefähr zehn Minuten lagen.



