Astromaus will bis zum Mars funken

Astromaus & Lou – Astromaus will bis zum Mars funken

Astromaus hatte an diesem Nachmittag etwas entdeckt, das ihrer Meinung nach unbedingt ausprobiert werden musste. Auf dem Kommunikationstisch der Sternwarte stand ein Funkgerät, daneben lagen Kopfhörer, ein Mikrofon, einige Kabel und ein kleines Notizbuch, in dem Lou sorgfältig aufgeschrieben hatte, welche Frequenzen sie für ihre verschiedenen Experimente benutzen durften. Eigentlich wollte Lou nur überprüfen, ob alles funktionierte, doch Astromaus hatte bereits nach wenigen Minuten eine viel größere Idee entwickelt. Wenn man mit Funk Menschen in großer Entfernung erreichen konnte und Raumsonden sogar Signale aus dem All zur Erde schickten, dann müsse es doch möglich sein, einfach einmal beim Mars anzurufen.

Für Astromaus klang das völlig logisch. Der Mars war schließlich ein Planet, die Erde war ein Planet, und dazwischen war sehr viel Platz, aber Platz allein konnte doch kein Grund sein, nicht miteinander zu sprechen. Sie setzte sich also an das Funkgerät, nahm das Mikrofon in beide Hände und blickte so konzentriert auf die Anzeige, als würde gleich tatsächlich jemand vom Mars ihren Anruf entgegennehmen. Lou bemerkte sofort, was sie vorhatte, sagte aber zunächst nichts. Er kannte diesen Gesichtsausdruck. Wenn Astromaus ihre Ohren leicht nach vorne stellte und gleichzeitig so tat, als hätte sie einen ganz vernünftigen Plan, war meistens bereits etwas in Gang gesetzt worden, das sich nicht mehr mit einem einzigen Satz aufhalten ließ.

Astromaus kontrollierte noch einmal das Mikrofon, rückte ihren Stuhl zurecht und sprach dann mit feierlicher Stimme hinein. Sie stellte sich vor, nannte Lou ebenfalls, erklärte, dass sie sich in ihrer Sternwarte auf der Erde befänden und fragte, ob irgendjemand auf dem Mars sie hören könne. Danach legte sie das Mikrofon vorsichtig auf den Tisch und wartete.

Lou wartete ebenfalls.

Astromaus schaute auf das Funkgerät.

Das Funkgerät schwieg.

Nach ungefähr zehn Sekunden kontrollierte Astromaus, ob sie vielleicht die Lautstärke zu niedrig eingestellt hatte. Lou sah dabei zu, wie sie den Regler ein kleines Stück nach rechts drehte, dann noch ein Stück und schließlich so weit, dass selbst ein leises Rauschen klang, als würde draußen ein Gewitter direkt durch die Sternwarte ziehen. Trotzdem kam keine Antwort.

Astromaus wartete weiter.

Nach einer halben Minute wurde sie unruhig.

Nach einer Minute überprüfte sie das Mikrofon.

Nach zwei Minuten legte sie den Kopf schief und betrachtete das Funkgerät mit wachsendem Misstrauen.

Nach drei Minuten war für sie klar, dass der Mars entweder sehr unhöflich war oder technische Schwierigkeiten hatte.

Lou setzte sich neben sie und beobachtete, wie Astromaus zum zweiten Mal in das Mikrofon sprach, diesmal etwas lauter, als könne zusätzliche Lautstärke die Entfernung zwischen Erde und Mars verkürzen. Sie erinnerte die unbekannten Bewohner des Mars freundlich daran, dass bereits eine Nachricht eingegangen sein müsste und dass eine kurze Bestätigung völlig ausreichen würde. Danach legte sie das Mikrofon wieder hin und schaute erwartungsvoll auf den Lautsprecher.

Nichts geschah.

Astromaus rückte näher an das Gerät heran, als könne sie eine Antwort vielleicht besser hören, wenn ihre Nase nur wenige Zentimeter vom Lautsprecher entfernt war. Lou musste sich sehr beherrschen, nicht zu lachen, denn aus seiner Sicht wurde das Experiment gerade mindestens genauso interessant wie aus ihrer. Nur aus einem anderen Grund.

Nach weiteren zwei Minuten nahm Astromaus das Mikrofon erneut auf. Dieses Mal begann sie ihre Nachricht mit dem Hinweis, dass es sich um den dritten Versuch handele. Sie erklärte, dass eine Antwort nun wirklich praktisch wäre, und fügte hinzu, dass sie andernfalls davon ausgehen müsse, auf dem Mars sei gerade niemand in der Nähe eines Funkgeräts. Anschließend wartete sie wieder und trommelte mit den Fingern auf den Tisch.

Lou wusste inzwischen, dass der richtige Moment gekommen war, etwas zu erklären. Er schob Astromaus das Notizbuch hinüber und zeigte auf eine kleine Zeichnung, die er am Vortag angefertigt hatte. Darauf waren Erde, Mars und mehrere Pfeile zu sehen. Daneben standen verschiedene Entfernungen und Zeiten. Astromaus überflog die Zahlen, sah dann Lou an und begriff zunächst nur eines: Die Antwort vom Mars war nicht einfach verspätet, sondern ihre erste Nachricht war möglicherweise noch nicht einmal angekommen.

Das gefiel ihr gar nicht.

Lou erklärte ihr nun, dass Funksignale zwar unglaublich schnell seien, aber trotzdem nicht augenblicklich überall erscheinen könnten. Funkwellen breiteten sich mit Lichtgeschwindigkeit aus, und selbst Licht brauche Zeit, wenn die Entfernungen groß genug würden. Zwischen Erde und Mars könne die Entfernung stark variieren, weil beide Planeten die Sonne auf unterschiedlichen Bahnen umkreisten. Wenn sie vergleichsweise nah beieinander standen, brauchte ein Funksignal nur wenige Minuten für den Weg. Wenn sie weit voneinander entfernt waren, konnte es deutlich länger dauern.

Astromaus sah wieder auf das Funkgerät.

Plötzlich wirkte ihre bisherige Wartezeit von drei Minuten nicht mehr besonders beeindruckend.

Lou zeigte ihr, dass man bei einer Unterhaltung mit einer Raumsonde auf dem Mars nicht einfach etwas sagen und sofort eine Antwort bekommen konnte. Selbst unter günstigen Bedingungen musste das Signal erst zum Mars reisen, dort musste etwas auf die Nachricht reagieren und anschließend musste ein neues Signal den ganzen Weg zurück zur Erde schaffen. Eine Frage und eine Antwort konnten also viele Minuten dauern, und je nach Stellung der Planeten sogar noch erheblich länger.

Astromaus ließ sich langsam in ihren Stuhl zurücksinken.

Sie hatte sich Funkverkehr mit dem Mars ungefähr so vorgestellt wie ein Telefongespräch mit etwas mehr Rauschen. Jetzt stellte sich heraus, dass selbst eine einfache Begrüßung zu einer Geduldsübung werden konnte.

Für einige Sekunden schaute sie nachdenklich auf das Mikrofon, dann änderte sich ihr Gesichtsausdruck. Lou kannte auch diesen Blick. Astromaus hatte gerade beschlossen, dass ein Problem nur bedeutete, dass man das Experiment besser organisieren musste.

Sie holte Papier, einen Stift und die Eieruhr aus der kleinen Küche.

Lou sah die Eieruhr und ahnte, dass die Sache komplizierter werden würde.

Astromaus schrieb oben auf das Blatt: Mars-Funkstation. Darunter notierte sie die Uhrzeit ihrer ersten Nachricht und daneben eine große freie Fläche für die Antwort. Anschließend stellte sie die Eieruhr auf mehrere Minuten und setzte sich wieder vor das Funkgerät.

Nun wartete sie deutlich professioneller.

Zumindest während der ersten Minute.

In der zweiten Minute begann sie, die Sternkarte zu ordnen.

In der dritten überprüfte sie, ob die Antenne richtig ausgerichtet war.

In der vierten zählte sie die Knöpfe am Funkgerät.

In der fünften stellte sie fest, dass das Gerät sieben schwarze, vier graue und einen roten Knopf besaß und dass niemand offensichtlich daran gedacht hatte, sie in einer ästhetisch angenehmen Reihenfolge anzuordnen.

Lou arbeitete währenddessen ruhig an seinem Notizbuch weiter.

Als die Eieruhr klingelte, sprang Astromaus so erschrocken auf, dass sie beinahe das Mikrofon vom Tisch stieß. Für einen kurzen Augenblick war sie überzeugt, der Mars habe geantwortet. Dann sah sie die Eieruhr und war sichtlich enttäuscht.

Lou konnte sich diesmal nicht mehr beherrschen und musste lachen.

Astromaus nahm es erstaunlich gelassen. Schließlich war das Experiment noch nicht vorbei.

Sie beschloss nun, die Wartezeit sinnvoll zu nutzen. Gemeinsam berechneten sie, wie lange ein Signal bei verschiedenen Entfernungen unterwegs sein könnte. Lou erklärte, dass man bei Raumfahrtmissionen immer genau berücksichtigen müsse, wo sich Erde und Mars gerade befänden. Die Planeten standen nicht wie zwei Häuser auf gegenüberliegenden Straßenseiten, sondern bewegten sich ständig um die Sonne. Dadurch konnte eine Nachricht einmal relativ schnell unterwegs sein und ein anderes Mal sehr viel länger brauchen.

Astromaus begann, sich vorzustellen, wie merkwürdig ein echtes Gespräch auf diese Weise wäre. Man würde morgens fragen, ob alles in Ordnung sei, und wenn die Antwort endlich zurückkäme, hätte der andere vielleicht schon Mittag gegessen. Ein Witz wäre noch schwieriger. Man müsste die Pointe abschicken und möglicherweise so lange warten, dass man selbst fast vergessen hätte, warum sie lustig sein sollte.

Diese Vorstellung gefiel ihr ausgesprochen gut.

Sie schrieb auf einen neuen Zettel: Mars-Witze nur mit Geduld.

Lou fand, dass dieser Hinweis zwar wissenschaftlich nicht besonders wichtig, aber durchaus richtig war.

Astromaus wurde nun immer erfinderischer. Sie überlegte, welche Nachrichten man sinnvollerweise an den Mars schicken sollte, wenn jede einzelne so lange unterwegs war. Ein einfaches Hallo schien plötzlich etwas verschwenderisch. Vielleicht sollte man gleich mehrere Fragen in einer Nachricht unterbringen. Vielleicht sogar Wetter, Grüße, Beobachtungen und die Frage nach dem Abendessen in einem einzigen Funkspruch.

Lou erklärte, dass genau deshalb Kommunikation mit Raumsonden sehr sorgfältig geplant werde. Befehle mussten präzise sein, weil niemand einfach eingreifen konnte, wenn auf dem Mars etwas Unerwartetes geschah. Ein Rover musste viele Aufgaben selbständig ausführen können, da die Menschen auf der Erde nicht wie bei einem ferngesteuerten Auto direkt lenken konnten.

Das machte Astromaus sofort neugierig.

Nun stellte sie sich vor, wie sie versuchen würde, einen Marsrover von der Sternwarte aus zu steuern. Sie würde einen Knopf drücken, damit er links abbog, und erst viele Minuten später merken, dass er längst vor einem Stein gestanden hatte. Dann würde sie den Befehl zum Rechtsabbiegen schicken, doch bis dieser angekommen wäre, hätte der Rover vielleicht längst selbst einen anderen Weg gefunden. Nach einer Stunde würde niemand mehr wissen, wer eigentlich wen steuerte.

Lou fand diese Vorstellung ziemlich realistisch, zumindest was Astromaus betraf.

Der Nachmittag verging schneller, als beide erwartet hatten. Aus dem ursprünglichen Versuch, einfach beim Mars anzurufen, war eine richtige kleine Untersuchung geworden. Astromaus hatte mehrere Seiten mit Notizen gefüllt, eine Tabelle mit Signalzeiten gezeichnet und die Eieruhr inzwischen so oft gestellt, dass sie bei jedem Klingeln automatisch zum Funkgerät blickte.

Eine Antwort vom Mars kam natürlich trotzdem nicht.

Irgendwann lehnte sich Astromaus zurück und betrachtete ihre Aufzeichnungen. Sie war keineswegs enttäuscht. Im Gegenteil. Dass man überhaupt Signale über solche Entfernungen schicken konnte, erschien ihr inzwischen viel erstaunlicher als eine sofortige Antwort. Ein Funksignal verließ die Erde, raste mit Lichtgeschwindigkeit durch den Weltraum und konnte Minuten später eine Maschine auf einem anderen Planeten erreichen. Danach konnte diese Maschine Informationen zurückschicken, die wiederum Millionen Kilometer durch das All reisten, bis sie auf der Erde ankamen.

Lou bemerkte, dass Astromaus ungewöhnlich still geworden war.

Sie schaute durch das Fenster der Sternwarte hinauf zum Himmel, obwohl Mars an diesem Nachmittag noch gar nicht sichtbar war. Irgendwo dort draußen bewegte er sich auf seiner Bahn um die Sonne, und plötzlich fühlte er sich gleichzeitig sehr weit entfernt und erstaunlich nah an.

Astromaus nahm ein letztes Mal das Mikrofon in die Hand. Diesmal sprach sie nicht lauter und verlangte auch keine sofortige Antwort. Sie schickte einfach einen kurzen freundlichen Gruß hinaus und legte das Mikrofon wieder zurück.

Danach setzte sie sich neben Lou und wartete nicht einmal auf eine Reaktion.

Sie hatte verstanden, dass Funk im Weltraum manchmal vor allem eines verlangte: Geduld.

Am Abend, als beide bereits dabei waren, die Sternwarte aufzuräumen, ertönte plötzlich ein lautes Rauschen aus dem Lautsprecher.

Astromaus ließ alles stehen und liegen und raste zum Funkgerät.

Lou folgte ihr.

Beide beugten sich gespannt über den Lautsprecher.

Aus dem Rauschen wurde eine Stimme.

Astromaus’ Augen wurden riesig.

Für einen wunderbaren Augenblick war sie überzeugt, der Mars habe tatsächlich geantwortet.

Dann meldete sich ein Funkamateur aus der Umgebung, der offenbar zufällig auf derselben erlaubten Frequenz arbeitete und wissen wollte, wer seit Stunden versuche, den Mars zu erreichen.

Lou setzte sich auf den Boden.

Astromaus sah auf das Funkgerät.

Dann mussten beide so sehr lachen, dass eine Antwort zunächst unmöglich war.

Später erklärte Astromaus dem überraschten Funkamateur ihr Experiment. Er fand die Idee großartig und bestätigte, dass bei wirklich großen Entfernungen Geduld genauso wichtig sei wie gute Technik.

Als Astromaus das Funkgerät schließlich ausschaltete, klebte Lou einen kleinen Zettel darüber.

Darauf stand: Mars meldet sich nicht sofort.

Astromaus ergänzte darunter: Erde manchmal schon.

Von diesem Tag an wusste sie, dass man im Weltall nicht einfach auf eine Antwort warten durfte, als säße der Gesprächspartner im Zimmer nebenan. Zwischen zwei Planeten lagen Millionen Kilometer, und selbst die schnellsten Signale brauchten Zeit.

Das hinderte Astromaus allerdings nicht daran, am nächsten Morgen wieder vor dem Funkgerät zu sitzen.

Diesmal hatte sie vorsichtshalber Frühstück mitgebracht.

Denn wenn man schon auf den Mars wartete, konnte man dabei wenigstens einen Mondkeks essen.

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