Astromaus zählt die Sterne

Astromaus & Lou – Astromaus zählt die Sterne

Es begann an einem Abend, an dem der Himmel über der Sternwarte so klar war, dass selbst Lou für einen Moment vergaß, an Kakao, Kekse oder irgendeine andere Form von Proviant zu denken. Die Luft war kühl, die Kuppel der Sternwarte stand offen, und über ihnen spannte sich ein tiefdunkler Himmel, in dem unzählige Sterne funkelten. Astromaus saß auf der hölzernen Terrasse, hatte die Pfoten um die Knie gelegt und sah lange nach oben. Je länger sie hinsah, desto mehr Sterne schienen aufzutauchen, als hätten sie nur darauf gewartet, bemerkt zu werden. Zwischen den hellen Lichtpunkten kamen immer weitere schwächere Sterne zum Vorschein, und irgendwo am Rand ihres Blickfelds leuchtete plötzlich noch einer, den sie eben noch nicht gesehen hatte.

Astromaus war begeistert. Wenn so viele Sterne zu sehen waren, musste man doch eigentlich herausfinden können, wie viele es genau waren. Die Idee fühlte sich für sie so selbstverständlich an, dass sie gar nicht verstand, warum noch niemand auf der Terrasse saß und diese wichtige Aufgabe erledigte. Schließlich zählten Menschen alles Mögliche. Man zählte Schritte, Seiten, Murmeln, Schafe, Geburtstagskerzen und manchmal sogar die Tage bis zu den Ferien. Warum also nicht Sterne?

Lou saß ein Stück weiter hinten und sortierte Beobachtungsnotizen. Er kannte Astromaus inzwischen gut genug, um zu merken, wann sich in ihrem Kopf eine Idee festsetzte. Meist begann es damit, dass sie ungewöhnlich still wurde. Danach folgte dieser ganz bestimmte Blick, bei dem ihre Augen etwas größer wurden und sie so aussah, als hätte sie gerade persönlich ein neues Naturgesetz entdeckt. Lou musste nur kurz zu ihr hinübersehen, um zu erkennen, dass etwas im Anmarsch war.

Astromaus stand auf, holte einen dicken Notizblock, drei Bleistifte, einen Radiergummi und vorsichtshalber noch einen zweiten Radiergummi. Wer alle Sterne zählen wollte, durfte schließlich nicht unvorbereitet sein. Dann stellte sie sich mitten auf die Terrasse, blickte nach oben und begann.

Der erste Stern war leicht. Der zweite ebenfalls. Beim dritten musste sie schon aufpassen, nicht versehentlich wieder den ersten zu zählen. Also beschloss sie, systematischer vorzugehen. Sie begann ganz links am Himmel und arbeitete sich langsam nach rechts vor. Nach zehn Sternen war sie zufrieden, nach zwanzig noch zufriedener, und bei fünfunddreißig war sie überzeugt, dass die Sache viel einfacher war, als Lou vermutlich dachte.

Lou beobachtete sie eine Weile und ließ sie machen. Er wusste, dass es Situationen gab, in denen man Astromaus besser nicht sofort erklärte, warum etwas schwierig werden könnte. Manche Erkenntnisse machten deutlich mehr Spaß, wenn man sie selbst entdeckte.

Astromaus zählte weiter. Ein heller Stern bekam die Nummer 42, ein kleiner schwacher daneben die 43, und bei 44 war sie sich plötzlich nicht mehr sicher, ob sie den nicht schon als 39 eingetragen hatte. Sie beugte sich über ihren Block, betrachtete die Strichliste und sah dann wieder zum Himmel. Dort sah natürlich alles genauso aus wie vorher, nur dass inzwischen gefühlt doppelt so viele Sterne sichtbar waren.

Sie entschied, dass 44 trotzdem stimmen musste.

Bis zur Nummer 70 lief es erstaunlich gut. Astromaus hatte inzwischen ein eigenes System entwickelt. Besonders helle Sterne markierte sie mit einem kleinen Kreis, schwächere mit einem Punkt, und bei Sternen, die sie nur aus dem Augenwinkel sehen konnte, setzte sie ein Fragezeichen. Das führte allerdings dazu, dass ihre Liste irgendwann aussah wie eine Mischung aus Sternkarte, Geheimschrift und Einkaufszettel. Lou warf einen Blick darauf und stellte fest, dass zwischen den Sternnummern 58 und 63 etwas stand, das entweder ein Sternsymbol oder eine besonders missglückte Kartoffel darstellen konnte.

Astromaus ließ sich davon nicht stören. Sie war jetzt mitten in einer wichtigen wissenschaftlichen Unternehmung und hatte beschlossen, dass sie erst aufhören würde, wenn wirklich jeder Stern gezählt war.

Bei Nummer 91 wurde die Sache schwieriger, weil eine dünne Wolke durch einen Teil des Himmels zog. Einige Sterne verschwanden für einen Moment, andere tauchten dahinter wieder auf. Astromaus musste warten, bis die Wolke weitergezogen war, und stellte danach fest, dass sie nicht mehr genau wusste, wo sie aufgehört hatte. Also begann sie sicherheitshalber wieder an derselben Stelle. Das führte dazu, dass sie vermutlich fünf Sterne doppelt zählte und drei andere ausließ, aber sie bemerkte es nicht.

Lou hingegen bemerkte es sehr wohl. Er sagte nichts, aber sein Blick wurde zunehmend amüsiert.

Astromaus erreichte Nummer 100 und war stolz. Hundert Sterne waren schließlich schon eine beachtliche Menge. Sie schrieb die Zahl besonders groß auf den Block und malte einen kleinen Stern daneben. Danach setzte sie ihre Arbeit fort, wobei sie nun schneller wurde. 101, 102, 103 und 104 gingen beinahe im Rhythmus, und Astromaus war überzeugt, dass sie den schwierigsten Teil hinter sich hatte.

Das war ein Irrtum.

Bei Nummer 127 passierte etwas, das ihre gesamte Methode ins Wanken brachte.

Sie hatte gerade einen kleinen, recht schwachen Stern am Rand eines Sternbildes gezählt, als rechts daneben plötzlich ein weiterer Lichtpunkt erschien. Astromaus war sicher, dass er vorher nicht da gewesen war. Sie notierte ihn als Nummer 128 und sah weiter. Doch dann bewegte sich dieser neue Stern.

Zuerst dachte Astromaus, sie hätte sich geirrt. Dann bewegte er sich noch einmal, und kurz darauf wanderte er langsam über den Himmel.

Astromaus runzelte die Stirn. Ein Stern, der durch das Bild lief, passte überhaupt nicht in ihren Plan. Sie beobachtete den Lichtpunkt genauer und stellte fest, dass er in gleichmäßiger Geschwindigkeit weiterzog. Lou wusste längst, was da unterwegs war, und musste sich sehr zusammenreißen, nicht sofort zu helfen.

Astromaus entschied nach kurzer Überlegung, dass bewegliche Sterne vermutlich eine eigene Kategorie brauchten. Sie notierte hinter der 128 ein kleines M und wollte gerade weitermachen, als auf der anderen Seite des Himmels ein zweites Licht auftauchte. Dieses blinkte rot, dann weiß und dann wieder rot.

Nun wurde Astromaus misstrauisch.

Ein Stern, der blinkte, war schon ungewöhnlich genug. Einer, der dabei seine Farbe wechselte und sich ebenfalls bewegte, war deutlich verdächtiger.

Lou konnte inzwischen kaum noch ernst bleiben.

Astromaus beobachtete das Licht so lange, bis ihr auffiel, dass es nicht nur blinkte, sondern in einer geraden Bahn über den Himmel zog. Damit war klar, dass hier etwas nicht stimmte. Sie legte den Bleistift weg und begann, die beiden beweglichen Lichtpunkte mit den Augen zu verfolgen. Nach kurzer Zeit verschwand einer hinter den Bäumen, der andere wurde schwächer und war schließlich nicht mehr zu sehen.

Ihre Liste enthielt nun 128 Sterne, obwohl mindestens einer davon offensichtlich gar keiner war.

Astromaus gefiel das überhaupt nicht.

Sie beschloss, die 128 zu streichen und wieder bei 127 weiterzumachen. Doch als sie den Blick zurück auf den Himmel richtete, war ihr plötzlich nicht mehr klar, welcher Stern eigentlich Nummer 127 gewesen war. Der Himmel sah auf einmal größer aus als vorher, und die Sternbilder, die eben noch wie praktische Orientierungshilfen gewirkt hatten, schienen sich absichtlich komplizierter zu machen.

Astromaus setzte sich auf die unterste Stufe der Terrasse und begann, ihre Notizen zu prüfen. Nach einigen Minuten stellte sie fest, dass Nummer 63 zweimal auftauchte, Nummer 84 fehlte und hinter Nummer 112 eine Zeichnung stand, die sie selbst nicht mehr deuten konnte. Vielleicht war es ein Stern. Vielleicht eine Wolke. Vielleicht hatte sie dort kurz daran gedacht, dass noch Kekse in der Küche lagen.

Lou setzte sich neben sie. Er musste überhaupt nichts sagen, denn Astromaus sah selbst, dass ihre große Sternzählung an diesem Punkt ein kleines Problem hatte.

Sie war aber noch lange nicht bereit aufzugeben.

Stattdessen entwickelte sie eine neue Methode. Wenn man den ganzen Himmel nicht auf einmal zählen konnte, musste man ihn eben aufteilen. Astromaus holte eine große durchsichtige Folie, zeichnete ein Raster darauf und hielt sie vor sich. Nun hatte der Himmel Felder. Oben links begann Feld A1, daneben A2 und so weiter.

Für einen kurzen Moment war Astromaus wieder sehr zufrieden.

Dann bewegte sie die Folie ein Stück.

Damit bewegten sich natürlich auch alle Felder.

Die Sterne blieben, wo sie waren, nur ihr Raster wanderte. Aus einem Stern in A1 wurde plötzlich einer in A2, und ein Stern, den sie gerade noch gezählt hatte, rutschte durch eine kleine Handbewegung in das nächste Feld.

Astromaus hielt die Folie wieder still und versuchte, ihre Pfoten so wenig wie möglich zu bewegen. Das funktionierte, bis sie niesen musste.

Das gesamte Universum sprang für sie ungefähr eine halbe Rasterbreite nach rechts.

Lou wandte sich ab, weil er inzwischen lachen musste.

Astromaus legte die Folie weg.

Damit war auch Methode zwei erledigt.

Nun kam Methode drei.

Sie holte das Teleskop.

Das war im Nachhinein vermutlich die schlechteste Idee des Abends, denn Astromaus entdeckte durch das Teleskop nicht weniger Sterne, sondern viel mehr. Dort, wo sie mit bloßem Auge vielleicht fünf oder sechs Lichtpunkte gesehen hatte, tauchten plötzlich Dutzende auf. Astromaus zählte eine kleine Gruppe durch, kam auf 34 Sterne und bemerkte dann, dass sie nur einen winzigen Ausschnitt des Himmels betrachtete.

Sie löste sich langsam vom Okular und sah Lou an.

Der Ausdruck in ihrem Gesicht sagte alles.

Wenn schon ein winziger Ausschnitt 34 Sterne enthielt, dann war der gesamte Himmel vermutlich ein Problem von ganz anderer Größe.

Astromaus wollte es trotzdem noch nicht ganz einsehen. Sie wechselte zu einer anderen Stelle am Himmel. Dort waren es noch mehr Sterne. Dann suchte sie eine dunklere Region auf und stellte fest, dass auch dort durch das Teleskop plötzlich Lichtpunkte erschienen, die vorher nicht sichtbar gewesen waren.

Das war der Moment, in dem aus ihrer Sternzählung endgültig eine Sternenlawine wurde.

Je genauer sie hinsah, desto mehr Sterne kamen dazu.

Astromaus begann zu verstehen, dass das Zählen schwieriger wurde, je besser das Werkzeug war. Das fand sie ausgesprochen unfair. Normalerweise half ein gutes Werkzeug dabei, eine Aufgabe zu lösen. Das Teleskop machte ihre Aufgabe dagegen immer größer.

Lou brachte inzwischen Kakao nach draußen, allerdings diesmal in einem Becher mit Deckel. Nach dem Zwischenfall mit der Sternkarte war das inzwischen Bord- und Sternwartenstandard. Astromaus nahm ihren Becher, setzte sich auf die Terrasse und sah nach oben. Ihr Notizblock lag neben ihr, voll mit Zahlen, Pfeilen, Fragezeichen und einigen durchgestrichenen Sternen, die später zu Flugzeugen oder Satelliten geworden waren.

Langsam musste sie selbst lachen.

Sie hatte den Abend begonnen, weil sie alle Sterne zählen wollte, und war bei 127 steckengeblieben. Nicht etwa, weil danach keine Sterne mehr da waren, sondern weil plötzlich viel zu viele da waren.

Lou holte schließlich die große Sternkarte und legte sie zwischen sich und Astromaus. Gemeinsam betrachteten sie die bekannten Sternbilder und suchten einige der helleren Sterne, die Astromaus zuvor gezählt hatte. Nun wurde ihr klar, warum Menschen den Himmel nicht einfach durchnummerierten. Sie gaben Sternen Namen, ordneten sie Sternbildern zu, bestimmten ihre Positionen und erfassten sie in Katalogen. Das war viel sinnvoller, als irgendwo bei Nummer eins anzufangen und zu hoffen, irgendwann beim letzten Stern anzukommen.

Astromaus fand diese Erkenntnis erstaunlich beruhigend.

Außerdem gefiel ihr der Gedanke, dass Menschen tatsächlich schon seit sehr langer Zeit versuchten, Ordnung in das scheinbare Durcheinander am Himmel zu bringen. Sie zählten zwar nicht einfach alle Sterne nacheinander, aber sie beobachteten, maßen und katalogisierten sie. Und je besser ihre Teleskope wurden, desto mehr entdeckten sie.

Damit wurde aus Astromaus’ gescheiterter Zählaktion plötzlich doch noch ein ziemlich guter Beobachtungsabend.

Sie sah wieder nach oben und versuchte nun nicht mehr, alles gleichzeitig zu erfassen. Stattdessen suchte sie einzelne helle Sterne, erkannte bekannte Muster und freute sich über jeden Lichtpunkt, den sie wiederfand.

Der Notizblock blieb trotzdem neben ihr liegen.

Ganz aufgeben wollte sie schließlich nicht.

Bevor sie ins Bett ging, nahm Astromaus den Bleistift noch einmal zur Hand und schrieb unter ihre Liste eine neue Zahl.

Nicht 128.

Nicht 129.

Sondern ein großes Unendlichkeitszeichen.

Lou entdeckte es später und fand, dass das sehr gut passte, auch wenn die Zahl der Sterne natürlich nicht wirklich unendlich war. Für Astromaus bedeutete das Zeichen an diesem Abend aber etwas anderes: Es stand dafür, dass es viel mehr zu entdecken gab, als sie an einem einzigen Abend zählen konnte.

Am nächsten Morgen lag der Notizblock noch auf dem Tisch.

Oben stand sorgfältig: „Sternzählung“.

Darunter folgten 127 Nummern, mehrere Fragezeichen, zwei durchgestrichene Flugzeuge, ein Satellit, eine verdächtige Kartoffelzeichnung und ganz unten das große Unendlichkeitszeichen.

Lou betrachtete die Seite eine Weile und legte daneben einen kleinen Zettel.

Darauf schrieb er nur eine einzige Zahl.

128.

Als Astromaus später den Zettel fand, musste sie sofort lachen. Sie wusste genau, was Lou damit sagen wollte.

Ihr Projekt war offenbar noch nicht abgeschlossen.

Und obwohl Astromaus inzwischen wusste, dass sie niemals einfach alle Sterne am Himmel zählen würde, setzte sie sich am nächsten klaren Abend wieder auf die Terrasse, nahm ihren Notizblock und schaute nach oben.

Diesmal wollte sie allerdings etwas viel Vernünftigeres versuchen.

Sie wollte zählen, wie lange es dauerte, bis Lou wieder nach einem Keks fragte.

Das Ergebnis war überraschend eindeutig.

Sie kam nicht einmal bis zehn.

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