Der Stern, der plötzlich verschwunden war

Astromaus & Lou – Der Stern, der plötzlich verschwunden war

An diesem Abend war der Himmel über der Sternwarte so klar, dass Astromaus schon beim ersten Blick durch die geöffnete Kuppel das Gefühl bekam, jemand hätte die Sterne frisch geputzt. Kein Dunst lag über den Bäumen, keine Wolke zog durch das Blickfeld, und selbst die Milchstraße war als heller, fein strukturierter Streifen über dem Himmel zu erkennen. Solche Nächte liebte Astromaus besonders, denn dann wollte sie am liebsten jedes Teleskop gleichzeitig benutzen, jede Sternkarte aufschlagen und alles beobachten, was sich nur irgendwie beobachten ließ. Lou wusste aus Erfahrung, dass das meistens damit endete, dass mindestens drei Bücher offen herumlagen, zwei Bleistifte verschwunden waren und Astromaus irgendwann behauptete, sie brauche unbedingt noch „nur fünf Minuten“, obwohl längst eine Stunde vergangen war. Deshalb hatte er bereits vorsorglich eine Decke, zwei Becher und eine Schale mit Keksen bereitgestellt. Nicht, weil er pessimistisch war, sondern weil er Astromaus kannte.

Astromaus hatte sich für diesen Abend eine bestimmte Himmelsregion ausgesucht. Sie wollte einige Sterne miteinander vergleichen und ihre Positionen auf einer Karte markieren. Dafür hatte sie auf dem Beobachtungstisch eine große Sternkarte ausgebreitet, daneben ein Notizbuch gelegt und mit kleinen Papierfähnchen mehrere Stellen markiert, an denen sie später genauer hinschauen wollte. Besonders ein heller Stern hatte ihre Aufmerksamkeit geweckt. Er stand nicht besonders hoch über dem Horizont, war aber deutlich zu erkennen und funkelte auffällig zwischen mehreren schwächeren Sternen. Astromaus notierte seine Position, sah noch einmal durch das Teleskop und war zufrieden. Alles passte, der Stern war da, die Karte stimmte, und der Abend begann genau so, wie ein ordentlicher Beobachtungsabend beginnen sollte.

Lou beschäftigte sich währenddessen mit einer anderen wichtigen Aufgabe, nämlich herauszufinden, wie viele Kekse man essen konnte, ohne dass Astromaus bemerkte, dass sich ihre Anzahl verringerte. Er hatte die Schale zunächst auf die linke Seite des Tisches gestellt, dann aus Gründen, die nur Lou verstand, auf die rechte, später wieder zurück und schließlich direkt neben sein Notizbuch. Bei jedem Umstellen verschwand zufällig ein Keks. Lou hielt das für eine sehr unauffällige Methode. Astromaus bemerkte natürlich längst, dass die Schale schneller leer wurde als astronomisch erklärbar gewesen wäre, beschloss aber, sich später darum zu kümmern. Im Moment war der Himmel wichtiger.

Nach einer Weile wechselte Astromaus zu einem anderen Objekt. Sie beobachtete einen Sternhaufen, verglich einige Helligkeiten und kontrollierte anschließend wieder den Bereich, den sie zu Beginn des Abends markiert hatte. Genau dort begann das Problem. Der helle Stern, den sie vorher eindeutig gesehen hatte, war nicht mehr da.

Astromaus nahm das Auge vom Okular, sah zur Sternkarte, prüfte ihre Notiz und blickte wieder durch das Teleskop. Die schwächeren Sterne in der Umgebung waren noch vorhanden, auch die Anordnung stimmte. Nur der eine helle Punkt fehlte. Zuerst hielt Astromaus das für einen kleinen Fehler bei der Ausrichtung. Sie korrigierte das Teleskop vorsichtig, kontrollierte die Montierung und stellte sicher, dass sie wirklich denselben Himmelsbereich beobachtete. Doch egal, wie sorgfältig sie nachsah, der Stern blieb verschwunden.

Damit begann in Astromaus’ Kopf etwas, das Lou später als „die große astronomische Alarmmaschine“ bezeichnete. Sobald Astromaus ein Rätsel entdeckte, arbeitete ihr Gehirn nämlich mit beeindruckender Geschwindigkeit. Innerhalb weniger Minuten hatte sie sämtliche Möglichkeiten durchdacht, die ihr einfielen. Vielleicht hatte sie einen veränderlichen Stern beobachtet, dessen Helligkeit sich stark verändert hatte. Vielleicht war etwas Ungewöhnliches passiert. Vielleicht hatte sie sogar zufällig ein seltenes astronomisches Ereignis erwischt. Je länger sie darüber nachdachte, desto größer wurde das Geheimnis, und je größer das Geheimnis wurde, desto weniger interessierten sie die Kekse, die inzwischen auffällig deutlich in Lous Richtung gewandert waren.

Lou bemerkte, dass Astromaus immer hektischer zwischen Sternkarte, Teleskop und Notizbuch wechselte. Er kannte diesen Blick. Es war derselbe Ausdruck, den sie bekam, wenn ein Kabel nicht dort steckte, wo sie es erwartete, ein Planet auf einer Karte an einer anderen Stelle stand als in ihrer Erinnerung oder ein Deckel verschwunden war, den sie fünf Minuten später in der eigenen Tasche fand. Lou ließ deshalb die Keksschale in Ruhe und begann, Astromaus’ Beobachtung möglichst nüchtern zu überprüfen.

Zunächst kontrollierte er die Sternkarte. Die Markierung war eindeutig, und auch die umliegenden Sterne passten. Danach sah er selbst durch das Teleskop. Tatsächlich war dort an der markierten Stelle nichts zu sehen, obwohl rundherum mehrere Sterne ganz normal leuchteten. Das machte die Sache interessant, denn Astromaus hatte sich diesmal offenbar nicht einfach nur verschaut. Lou prüfte die Optik, sah nach dem Okular und kontrollierte, ob sich irgendwo Feuchtigkeit gebildet hatte. Alles schien in Ordnung zu sein.

Astromaus war inzwischen überzeugt, dass sie einen Stern beobachtet hatte, der innerhalb kurzer Zeit verschwunden war. Ihre Gedanken sprangen bereits weit voraus. Vielleicht mussten sie die genaue Uhrzeit notieren. Vielleicht musste man andere Beobachter informieren. Vielleicht würde eines Tages jemand in einem wissenschaftlichen Bericht erwähnen, dass Astromaus und Lou als Erste etwas Merkwürdiges bemerkt hatten. Lou kannte diesen Teil ihrer Begeisterung ebenfalls. Astromaus konnte innerhalb erstaunlich kurzer Zeit von einer kleinen Unregelmäßigkeit zu einer möglichen wissenschaftlichen Sensation gelangen.

Während sie eifrig ihre Notizen ordnete, ging Lou noch einmal einen Schritt zurück und betrachtete nicht nur das Teleskop, sondern die gesamte Umgebung. Das hatte er sich irgendwann angewöhnt. Wenn etwas am Himmel merkwürdig aussah, musste der Grund nicht automatisch am Himmel liegen. Manchmal war die Ursache sehr viel näher.

Zunächst fiel ihm nichts auf. Die Kuppel war geöffnet, der Himmel klar, und im Beobachtungsraum brannten nur die schwachen roten Lampen. Dann bemerkte er etwas am Rand der geöffneten Kuppel. Dort hing eine dünne Schnur herunter, an der Astromaus am Nachmittag ein kleines Schild befestigt hatte. Das Schild erinnerte daran, die Abdeckung des Außenteleskops nach der Beobachtung wieder aufzusetzen. Normalerweise hing es seitlich an der Wand. An diesem Abend hatte ein leichter Luftzug die Schnur jedoch bewegt, sodass das Schild langsam vor und zurück schwang.

Lou beobachtete es eine Weile.

Dann sah er durch das Teleskop.

Der Stern war noch immer verschwunden.

Lou wartete.

Das Schild bewegte sich ein kleines Stück zur Seite.

Und der Stern war wieder da.

Lou nahm das Auge vom Okular und betrachtete die Schnur. Dann sah er erneut hindurch. Wenige Sekunden später schwang das Schild zurück.

Der Stern verschwand wieder.

Damit war das große astronomische Rätsel plötzlich erstaunlich klein geworden.

Lou hätte Astromaus sofort darauf aufmerksam machen können, aber die Gelegenheit war zu schön. Er sah, wie sie gerade besonders sorgfältig die Uhrzeit ihrer „Entdeckung“ notierte und daneben drei Ausrufezeichen setzte. Deshalb wartete er noch einen Moment und beobachtete, wie der Stern im Rhythmus des kleinen Schildes immer wieder erschien und verschwand.

Astromaus bemerkte inzwischen, dass Lou ungewöhnlich ruhig geworden war. Sie sah zu ihm hinüber und erkannte an seinem Gesicht, dass er etwas herausgefunden hatte. Lou hatte nämlich einen ganz bestimmten Ausdruck, wenn er eine Erklärung kannte und versuchte, nicht zu grinsen. Seine Mundwinkel bewegten sich dabei immer ein kleines bisschen nach oben, während er gleichzeitig so tat, als sei überhaupt nichts Besonderes.

Astromaus legte den Stift weg und sah selbst noch einmal durch das Teleskop. Der Stern war weg. Einige Sekunden später erschien er plötzlich wieder. Astromaus zuckte zurück, überprüfte ihre Notizen und sah erneut hindurch. Jetzt war er wieder verschwunden. Kurz darauf war er wieder da.

Nun wurde selbst Astromaus misstrauisch.

Ein Stern, der sich so regelmäßig verhielt, passte überhaupt nicht zu ihren bisherigen Überlegungen. Lou ging schließlich zur Kuppelwand, nahm die dünne Schnur in die Pfote und zog das kleine Schild vollständig zur Seite.

Astromaus schaute durch das Teleskop.

Der Stern blieb sichtbar.

Lou ließ die Schnur wieder los.

Das Schild schwang zurück.

Der Stern verschwand.

Astromaus sah langsam vom Okular zur Kuppel, dann zum Schild und anschließend zu Lou.

Für einige Sekunden sagte sie nichts.

Das war selten.

Sehr selten.

Lou musste inzwischen so sehr grinsen, dass sein ganzer Gesichtsausdruck praktisch aus einem Grinsen bestand.

Die große wissenschaftliche Sensation war ein Pappschild.

Astromaus betrachtete ihre Notizen. Dort standen inzwischen mehrere sorgfältige Beobachtungszeiten, eine Skizze, drei Ausrufezeichen und der dick unterstrichene Vermerk, dass ein bislang unerklärliches Ereignis vorliegen könnte. Direkt daneben hing das Schild mit der Aufschrift, dass die Teleskopabdeckung nicht vergessen werden sollte.

Es dauerte nicht lange, bis Astromaus selbst lachen musste.

Zuerst nur ein wenig, dann immer stärker. Je länger sie darüber nachdachte, desto komischer wurde die Sache. Sie hatte gerade beinahe einen verschwundenen Stern gemeldet, obwohl der Stern die ganze Zeit vollkommen unschuldig an seinem Platz gestanden hatte. Das einzige astronomische Ereignis des Abends war ein Stück Pappe gewesen, das im Wind hin und her schaukelte.

Lou nahm das Schild ab und legte es auf den Tisch. Astromaus sah es an, als hätte es sie persönlich beleidigt. Danach strich sie in ihrem Notizbuch den Satz über das rätselhafte Himmelsereignis durch und schrieb darunter, dass Beobachter immer zuerst prüfen sollten, ob die Ursache eines ungewöhnlichen Phänomens vielleicht direkt vor dem eigenen Teleskop hing.

Diese Erkenntnis gefiel Lou ausgesprochen gut. Sie entsprach nämlich genau seiner Art zu denken. Nicht jedes Rätsel musste sofort riesig sein, und nicht jede ungewöhnliche Beobachtung führte zu einer neuen Entdeckung. Manchmal war die Erklärung eine Wolke, ein Zweig, ein Licht, ein technischer Fehler oder eben ein kleines Erinnerungsschild, das sich offenbar vorgenommen hatte, für einen Abend Astronomiegeschichte zu schreiben.

Astromaus war darüber allerdings noch nicht ganz hinweg. Sie kontrollierte vorsichtshalber noch einmal den Stern, dann die Kuppelöffnung, dann die Schnur und schließlich Lou. Der Stern war weiterhin da. Das Schild lag weiterhin auf dem Tisch. Nur die Keksschale sah plötzlich deutlich leerer aus als zuvor.

Astromaus bemerkte das sofort.

Nun begann ein zweites Rätsel.

Zu Beginn des Abends hatten sich zwölf Kekse in der Schale befunden. Jetzt lagen dort nur noch vier. Astromaus konnte sich an genau zwei erinnern, die sie selbst gegessen hatte. Damit fehlten sechs Kekse, und diesmal gab es weder eine schwingende Schnur noch ein Schild, das man dafür verantwortlich machen konnte.

Lou bemerkte, wohin ihr Blick ging, und setzte sich unauffällig etwas weiter von der Schale entfernt hin.

Astromaus betrachtete ihn.

An seiner Schnauze klebte ein Krümel.

Damit war dieses Rätsel deutlich schneller gelöst.

Später saßen beide vor der geöffneten Kuppel und beobachteten weiter. Der Stern, der angeblich verschwunden gewesen war, leuchtete ruhig an seiner ursprünglichen Stelle, während Lou seine letzten beiden Kekse diesmal ganz offiziell aß. Astromaus hatte die Sache inzwischen mit Humor genommen und beschlossen, den Vorfall sogar in ihrem Beobachtungsbuch stehen zu lassen. Nicht als Sensation, sondern als Erinnerung daran, dass gute Wissenschaft nicht nur darin bestand, aufmerksam zum Himmel zu schauen. Genauso wichtig war es, Beobachtungen zu überprüfen, andere Erklärungen zu suchen und manchmal auch ganz banal nachzusehen, ob direkt vor der eigenen Nase etwas im Weg hing.

Lou fand, dass dies eine sehr wertvolle Erkenntnis war.

Astromaus fand, dass Lou diese Erkenntnis ruhig auch auf Keksschalen anwenden könne, denn wenn dort regelmäßig etwas verschwand, sollte man ebenfalls zuerst nach der nächstliegenden Erklärung suchen.

Lou sah auf die verbliebenen Krümel vor seinen Pfoten und musste grinsen.

Der verschwundene Stern war damit endgültig wiedergefunden.

Bei den verschwundenen Keksen bestand dagegen weiterhin keinerlei Hoffnung.

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