Die Kakaoflecken auf der Sternkarte

Astromaus & Lou – Die Kakaoflecken auf der Sternkarte

Es war einer dieser seltenen Flüge, bei denen an Bord des kleinen Raumschiffs von Astromaus und Lou einfach alles funktionierte. Kein Warnlicht blinkte, kein Schalter machte ein verdächtiges Geräusch, nichts schwebte dort herum, wo es nicht hingehörte, und selbst Lou hatte seit fast einer Stunde nichts gesucht, was er fünf Minuten zuvor irgendwo abgelegt hatte. Vor den großen Fenstern des Cockpits zog ruhig das Sternenmeer vorbei, und auf dem Navigationstisch lag eine große Sternkarte, auf der Astromaus ihre geplante Route markiert hatte.

Astromaus mochte solche ruhigen Momente. Sie konnte dann lange auf die Karte schauen, Sternbilder vergleichen und sich überlegen, welche Himmelsobjekte sie später noch beobachten wollten. Lou mochte ruhige Momente ebenfalls, allerdings aus einem anderen Grund. Für ihn waren sie die beste Gelegenheit, Kakao zu trinken.

Also verschwand er in der kleinen Bordküche und kam wenig später mit einer Tasse zurück, deren Inhalt verdächtig nah am Rand stand. Astromaus musste nur einmal hinsehen, um zu wissen, dass diese Tasse ein Problem werden konnte. Sie erinnerte Lou daran, dass Kakao in einem Raumschiff grundsätzlich lieber etwas tiefer im Becher bleiben sollte, besonders wenn man in der nächsten halben Stunde noch eine Kurskorrektur vor sich hatte. Lou war davon wenig beeindruckt. Er war überzeugt, dass zwischen Kakao und Tassenrand noch genug Sicherheitsabstand vorhanden war.

Astromaus betrachtete die Tasse noch einmal genauer. Der Sicherheitsabstand war ungefähr so groß wie die Dicke eines Blatt Papiers.

Sie entschied, die Sache nicht weiter zu diskutieren, zog dafür aber die Sternkarte ein kleines Stück weiter auf ihre Seite des Tisches. Lou bemerkte das und grinste. Er hielt sich selbst für einen ausgesprochen erfahrenen Kakaotrinker und konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie eine so friedliche Tasse irgendeine Gefahr darstellen sollte.

Genau in diesem Moment meldete sich das Navigationssystem mit einem leisen Ton. Eine kleine Kurskorrektur stand an. Nichts Dramatisches, nur eine sanfte Kurve, damit das Raumschiff wieder exakt auf der vorgesehenen Route lag. Astromaus setzte sich an die Steuerung, überprüfte die Anzeigen und kündigte an, dass sie gleich drehen würden.

Lou nahm sicherheitshalber noch einen Schluck.

Dann stellte er die Tasse ab.

Direkt neben die Sternkarte.

Astromaus sah es, wollte gerade etwas sagen und dachte sich dann, dass Lou selbst merken würde, warum das keine besonders gute Idee war.

Die ersten Sekunden verliefen vollkommen unspektakulär. Das Raumschiff neigte sich leicht, draußen verschoben sich die Sterne langsam vor dem Fenster, und die Bewegung war so sanft, dass Lou bereits ein zufriedenes Gesicht machte. In seinem Kopf entstand vermutlich gerade der Satz, dass Astromaus sich wieder einmal ganz umsonst Sorgen gemacht hatte.

Doch dann bewegte sich die Tasse.

Zunächst nur ein paar Millimeter. So wenig, dass man es fast übersehen konnte. Dann noch einmal ein Stück. Lou bemerkte es, hob überrascht die Augenbrauen und streckte eine Pfote aus. In genau diesem Moment wurde die Kurve etwas enger, und die Tasse beschloss offenbar, dass sie nun lieber auf der anderen Seite des Tisches stehen wollte.

Lou griff danach.

Er erwischte sogar den Henkel.

Leider war der Kakao weniger kooperativ.

Während die Tasse abrupt stehen blieb, schwappte ihr Inhalt weiter. Ein breiter brauner Bogen löste sich aus dem Becher und flog über den Tisch. Für den Bruchteil einer Sekunde sah der Kakao fast beeindruckend aus, beinahe wie eine kleine braune Kometenspur. Astromaus und Lou folgten ihr beide mit den Augen.

Dann landete die gesamte Ladung mitten auf der Sternkarte.

Astromaus brachte das Raumschiff wieder auf geraden Kurs. Lou hielt noch immer die fast leere Tasse in der Pfote. Zwischen ihnen breitete sich auf dem Papier ein brauner See aus, der langsam in mehrere Richtungen floss. Die kleinen weißen Sternpunkte verschwanden unter dem Kakao, Linien wurden unscharf, und an einer Stelle bildete sich ein so runder Fleck, dass er beinahe aussah wie ein eigener Planet.

Astromaus stellte die Steuerung auf Automatik und kam zum Tisch. Dort zeigte sich das ganze Ausmaß der Katastrophe. Der Große Wagen lag mitten im größten Fleck und war nur noch zur Hälfte zu erkennen. Kassiopeia hatte einen langen braunen Streifen abbekommen, und der Polarstern befand sich ausgerechnet unter einem kleinen Tropfen, der so dunkel war, dass man ihn überhaupt nicht mehr sehen konnte.

Lou beugte sich über die Karte und betrachtete das Ergebnis erstaunlich gründlich. Schließlich stellte er fest, dass der Große Wagen jetzt ein bisschen wie ein Schokokeks aussah.

Astromaus wollte ernst bleiben, doch dieser Vergleich war leider ziemlich treffend.

Sie holte ein Tuch und begann vorsichtig, den Kakao aufzutupfen. Lou wollte helfen und griff nach einem zweiten Tuch. In seinem Eifer rieb er allerdings über einen Fleck, statt ihn nur aufzunehmen, und verwandelte einen kleinen braunen Punkt in eine lange Spur. Astromaus nahm ihm das Tuch freundlich, aber sehr bestimmt aus der Pfote.

Nun sah die Sternkarte endgültig aus, als hätte jemand versucht, Astronomie mit einem Frühstücksbuffet zu verbinden.

Lou war der Erste, der darin etwas Positives entdeckte. Er begann, in den Flecken neue Figuren zu erkennen. Der Große Wagen war für ihn jetzt der „Schokowagen“, ein kleiner Tropfen am Rand sah aus wie eine Kakaomaus, und ein länglicher Klecks in der Nähe des Sternbilds Schwan erinnerte ihn an eine fliegende Socke. Astromaus hörte eine Weile zu und musste schließlich lachen, obwohl sie eigentlich noch etwas verärgert war. Es war einfach zu komisch, wie ernst Lou seine neuen Sternbilder erklärte.

Besonders stolz war er auf einen Fleck, der seiner Meinung nach eindeutig wie ein Hund aussah. Astromaus hielt dagegen, dass dieser Hund eher aussah wie eine umgefallene Kartoffel. Lou nahm das persönlich und erklärte, dass man bei astronomischen Entdeckungen ein wenig Fantasie brauche.

Damit hatte er natürlich nicht ganz unrecht, zumindest solange man Fantasie nicht mit echter Sternkunde verwechselte.

Gemeinsam versuchten sie weiter, die Karte zu retten. Astromaus tupfte vorsichtig, Lou hielt die trockenen Ecken fest, und nach und nach verschwand der größte Teil des Kakaos. Die Flecken blieben allerdings deutlich sichtbar. Einige Sternnamen waren verschmiert, mehrere Linien kaum noch zu erkennen, und der Große Wagen sah tatsächlich so aus, als hätte jemand einen Schokokeks darauf gelegt und anschließend wieder weggenommen.

Als sie fertig waren, betrachteten beide ihr Werk.

Die Karte war noch zu gebrauchen, wenn man genau wusste, wonach man suchte. Für eine wirklich ordentliche Navigation war sie allerdings nicht mehr besonders geeignet.

Astromaus erklärte, dass sie später eine neue ausdrucken müssten. Lou fand das schade. Er hatte sich inzwischen an den Schokowagen gewöhnt und hielt ihn für deutlich interessanter als den gewöhnlichen Großen Wagen.

In diesem Moment fiel Astromaus etwas auf. Rechts neben dem beschädigten Papier leuchtete der Navigationsbildschirm.

Darauf war die gesamte Sternkarte digital dargestellt.

Klar, sauber, vollständig und ohne einen einzigen Kakaofleck.

Astromaus sah zum Bildschirm, dann auf die nasse Papierkarte und anschließend zu Lou. Lou folgte ihrem Blick. Für ein paar Sekunden sagte keiner von beiden etwas, aber diesmal war dieses Schweigen viel lustiger als jeder Dialog.

Sie hatten die gesamte Zeit versucht, eine vollgeklebte Papierkarte zu retten, obwohl direkt daneben eine perfekte digitale Version verfügbar gewesen war.

Astromaus begann als Erste zu lachen. Lou hielt noch einen Moment lang sein ernstes Gesicht, gab dann aber ebenfalls auf. Wenig später saßen beide nebeneinander und lachten so sehr, dass Astromaus Mühe hatte, nicht wieder gegen den Tisch zu stoßen.

Lou beschloss trotzdem, dass die Papierkarte nicht weggeworfen werden durfte. Für ihn war sie inzwischen zu einer Erinnerung geworden, und je länger er sie ansah, desto besser gefielen ihm die braunen Flecken. Astromaus musste zugeben, dass sie tatsächlich eine Geschichte erzählten. Keine besonders ruhmreiche, aber immerhin eine sehr typische Astromaus-und-Lou-Geschichte.

Deshalb legten sie die Karte zum Trocknen auf eine freie Ablage.

Lou bereitete sich anschließend eine neue Tasse Kakao zu.

Diesmal füllte er sie nur bis zur Hälfte.

Astromaus bemerkte das und war zufrieden.

Dann holte Lou noch einen Deckel.

Astromaus war noch zufriedener.

Die Reise ging weiter, und für eine Weile kehrte wieder Ruhe ein. Das Raumschiff flog auf seinem neuen Kurs, die digitale Sternkarte zeigte zuverlässig die Richtung, und Lou trank seinen Kakao nun so vorsichtig, als hielte er eine wissenschaftliche Probe in der Pfote.

Später am Abend war die alte Sternkarte trocken genug, um sie wieder anzufassen. Astromaus nahm sie hoch und überlegte, ob sie sie in eine Schublade legen sollte. Lou hatte jedoch eine bessere Idee. Er wollte sie an die Wand hängen.

Also befestigten sie die Karte im hinteren Bereich des Cockpits, direkt neben einigen Fotos ihrer bisherigen Abenteuer. Astromaus schrieb auf ein kleines Schild darunter: „Sternkarte nach dem Kakao-Zwischenfall“.

Lou fand den Titel zu langweilig.

Er nahm einen Stift und ergänzte darunter in kleinerer Schrift: „Erste bestätigte Sichtung des Schokowagens.“

Astromaus sah es, schüttelte den Kopf und ließ es stehen.

Seit diesem Tag hing die Karte dort.

Und immer wenn sie Besuch hatten oder jemand fragte, warum mitten auf dem Großen Wagen ein brauner Fleck zu sehen war, erzählte Lou mit großer Begeisterung von einer äußerst schwierigen Kurskorrektur, einer überraschend starken seitlichen Bewegung und einer Tasse Kakao, die sich völlig unberechenbar verhalten hatte.

Astromaus hörte sich diese Version meist geduldig an.

Nur an einer Stelle unterbrach sie ihn jedes Mal.

Nämlich dann, wenn Lou vergaß zu erwähnen, dass sie ihn vorher ausdrücklich gewarnt hatte, die Tasse nicht bis zum Rand zu füllen.

Lou behauptete dann stets, dieses Detail sei für die wissenschaftliche Auswertung nicht entscheidend.

Astromaus war anderer Meinung.

Seitdem galt an Bord jedenfalls eine neue Regel: Sternkarten durften überall liegen, Kakao durfte fast überall stehen – aber beides niemals auf demselben Tisch.

Und der Große Wagen hieß bei Lou trotzdem noch sehr lange Schokowagen.

Weitere Geschichten

Astromaus & Lou – Der Besuch im Planetarium

Der Besuch im Planetarium

Seit Tagen nur Wolken über der Sternwarte – also geht es für Astromaus und Lou ins Planetarium. Eine Geschichte über einen Himmel voller Wunder, eine Reise durch das Universum und die Frage, warum Astromaus plötzlich ein eigenes Planetarium haben wollte.

Geschichte lesen »
Astromaus & Lou – Urlaub in den Bergen

Urlaub in den Bergen

Zwei Wochen Ferien in den Bergen – und Astromaus würde am liebsten die ganze Sternwarte in den Kofferraum packen. Eine Geschichte über viel zu viel Gepäck, einen unglaublich dunklen Sternenhimmel und eine ziemlich große neue Idee.

Geschichte lesen »
Astromaus & Lou – Der Wolkenschieber

Der Wolkenschieber

Eine himmlisch verrückte Geschichte über Wolken, einen ziemlich unmöglichen Auftrag und zwei Freunde, die sich von ein bisschen schlechtem Wetter nicht unterkriegen lassen.

Geschichte lesen »