Der Morgen in der Sternwarte begann ungewöhnlich friedlich. Draußen lag noch etwas Nebel über der Wiese, auf den Scheiben glitzerten kleine Tropfen, und im Beobachtungsraum war es so still, dass man das leise Ticken der Uhr über der Tür hören konnte. Astromaus hatte bereits die ersten Notizen des Tages sortiert und saß mit einem Stück Toast am Frühstückstisch, während Lou sich sehr ernsthaft mit einer großen Tasse Kakao beschäftigte.
Lou mochte Kakao nicht einfach nur. Er nahm Kakao wichtig.
Für ihn gab es einen entscheidenden Unterschied zwischen einer Tasse Kakao und einer wirklich guten Tasse Kakao. Die gute Variante musste heiß sein, durfte aber nicht so heiß sein, dass man sich die Zunge verbrannte. Sie musste süß sein, aber nicht so süß, dass Astromaus behauptete, man könne den Löffel darin senkrecht stehen lassen. Vor allem aber brauchte sie oben eine dünne, glänzende Schicht, die Lou für den besten Teil hielt.
An diesem Morgen war sein Kakao besonders gelungen.
Er saß vor der Tasse, hielt sie mit beiden Pfoten fest und betrachtete die Oberfläche zufrieden. Astromaus bemerkte es nur am Rand, weil sie gerade versuchte, eine kleine Liste für den Tag zu schreiben. Sie kannte Lous Frühstücksrituale inzwischen gut genug, um zu wissen, dass man ihn am besten nicht störte, solange er seinen Kakao prüfte.
Doch diesmal dauerte die Prüfung ungewöhnlich lange.
Lou trank nicht.
Er beugte sich nur immer weiter über die Tasse.
Seine Ohren richteten sich auf.
Dann rückte er den Becher ein kleines Stück näher ans Fenster, wo das Morgenlicht auf die Oberfläche fiel.
Astromaus sah schließlich auf.
Lou hatte inzwischen den Gesichtsausdruck, den er normalerweise bekam, wenn er durch das Teleskop etwas entdeckt hatte, das er noch nie zuvor gesehen hatte.
In der Mitte seines Kakaos schwamm eine kleine runde Luftblase.
Eigentlich war es nur eine Luftblase.
Für Lou allerdings nicht.
Denn diese eine Blase war vollkommen rund, spiegelte das Licht und hatte am Rand einen schmalen hellen Ring. Daneben befand sich ein winziger dunkler Kakaofleck, der sich beim Umrühren gelöst hatte und nun langsam über die Oberfläche wanderte.
Lou sah die Blase an.
Dann den Fleck.
Dann wieder die Blase.
Etwas in seinem Kopf begann zu arbeiten.
Er holte einen Löffel und bewegte ihn vorsichtig am Rand der Tasse entlang, ohne die Blase zu berühren. Dadurch setzte sich der dunkle Fleck langsam in Bewegung. Für Lou sah es aus, als würde ein kleiner Mond einen großen Planeten umkreisen.
Damit war aus dem Frühstück eine astronomische Beobachtung geworden.
Astromaus bemerkte, dass Lou seine Tasse inzwischen so konzentriert untersuchte, dass der Toast neben ihm vollständig vergessen war. Sie legte ihren Stift weg und fragte, ob mit dem Kakao etwas nicht stimme.
Lou erklärte, dass mit dem Kakao vermutlich sehr viel mehr stimme, als Astromaus gerade dachte.
Er zeigte auf die Luftblase und teilte ihr mit, dass er offenbar soeben einen neuen Planeten entdeckt habe.
Astromaus sah in die Tasse.
Dann sah sie Lou an.
Dann wieder in die Tasse.
Sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er es in diesem Moment vollkommen ernst meinte.
Lou begann sofort, seine Entdeckung zu erläutern. Der runde Körper in der Mitte sei offensichtlich der Planet, während der dunkle Fleck daneben vermutlich ein Mond sei. Besonders überzeugend fand er den hellen Rand, der für ihn wie eine Atmosphäre aussah.
Astromaus musste sich beherrschen, nicht sofort zu lachen.
Stattdessen setzte sie sich näher und betrachtete die Tasse nun ebenfalls.
Der neue Planet schwebte tatsächlich ziemlich überzeugend in der braunen Kakaolandschaft. Durch das Licht vom Fenster glänzte die Luftblase sogar ein wenig bläulich, und der kleine Fleck bewegte sich langsam daran vorbei.
Lou war begeistert.
Innerhalb weniger Sekunden begann er bereits, über einen Namen nachzudenken.
Astromaus schlug vor, erst einmal herauszufinden, ob der Planet überhaupt existierte, bevor man ihm einen Namen gab.
Lou fand das unnötig vorsichtig.
Schließlich, so erklärte er, hätte auch jeder andere Planet irgendwann seinen Namen bekommen, und wenn man lange genug wartete, könnte jemand anders schneller sein.
Diese Vorstellung gefiel ihm gar nicht.
Er wollte nicht erleben, dass Astromaus später am Tag in ihre Tasse sah und plötzlich denselben Planeten entdeckte.
Also musste schnell gehandelt werden.
Lou holte sein Notizbuch.
Auf die erste freie Seite zeichnete er einen großen Kreis.
Daneben einen kleinen Punkt.
Unter die Zeichnung schrieb er sehr sorgfältig: „Neuer Planet.“
Astromaus sah auf die Skizze und fragte, woher er wissen wolle, dass es sich tatsächlich um einen Planeten und nicht vielleicht um einen Kakaomond handle.
Diese Frage brachte Lou kurz aus dem Konzept.
Er sah wieder in die Tasse.
Der kleine dunkle Fleck war inzwischen weitergewandert.
Die Blase befand sich noch immer ungefähr in der Mitte.
Das reichte Lou als Beweis.
Ein Planet, der so ruhig in der Mitte blieb, musste nach seiner Meinung eindeutig wichtiger sein als ein Fleck, der außen herumzog.
Astromaus hatte wissenschaftlich einige Einwände gegen diese Methode, fand sie aber so lustig, dass sie vorerst nichts sagte.
Lou begann nun, seine Entdeckung ernsthaft zu untersuchen.
Zunächst stellte er fest, dass der Planet ungefähr so groß war wie eine sehr kleine Murmel, wenn man ihn direkt aus der Nähe betrachtete. Dann bemerkte er, dass sich seine Form leicht veränderte, sobald er die Tasse bewegte.
Das fand Lou faszinierend.
Vielleicht, so dachte er, war der Planet nicht fest.
Vielleicht bestand er aus Gas.
Das passte hervorragend.
Gasplaneten gab es schließlich wirklich.
Nun war Lou endgültig überzeugt, auf etwas Großes gestoßen zu sein.
Astromaus beobachtete, wie er mit hochgezogenen Augenbrauen in die Tasse sah und leise überlegte, ob sein neuer Planet möglicherweise größer als Jupiter sein könnte.
Das war der Moment, in dem sie schließlich lachen musste.
Lou fand das zunächst unfair.
Er hatte immerhin eine Entdeckung gemacht.
Astromaus beruhigte ihn und erklärte, dass sie nicht über ihn lache, sondern über die Vorstellung, dass sich ein Planet größer als Jupiter ausgerechnet in seiner Frühstückstasse versteckt habe.
Lou sah in die Tasse und musste zugeben, dass das räumlich tatsächlich schwierig wäre.
Damit war die Sache für ihn aber noch lange nicht erledigt.
Vielleicht war es eben kein großer Planet.
Vielleicht war es ein sehr kleiner.
Ein Mini-Planet.
Ein Kakaoplanet.
Diese Idee gefiel ihm noch besser.
Er schrieb sofort einen neuen Begriff in sein Notizbuch.
Astromaus bemerkte, dass aus „Neuer Planet“ inzwischen „Kakaoplanet“ geworden war und ahnte, dass die Sache gerade eine Eigendynamik entwickelte.
Lou begann nun, einen Namen zu suchen, der einer echten astronomischen Entdeckung würdig war.
Kakaonia fand er zunächst gut.
Dann dachte er an Schokolatus.
Astromaus hielt dagegen, dass Schokolatus eher nach einem Zauberer klinge.
Lou musste lachen und strich den Namen wieder durch.
Als Nächstes versuchte er es mit Kakao Prime.
Das klang in seinen Ohren sehr wissenschaftlich.
Astromaus fand, es klang eher nach einem Raumschiffhafen.
Nach einigen weiteren Vorschlägen stand schließlich „Cacaon“ im Notizbuch.
Lou war zufrieden.
Der kleine dunkle Fleck bekam natürlich ebenfalls einen Namen.
Er hieß Krümel Eins.
Astromaus wollte wissen, warum ein Kakaofleck ausgerechnet Krümel Eins hieß.
Lou erklärte, dass „Kakaofleck A“ nicht spannend genug klinge.
Damit war die Sache geklärt.
Während Lou weiter beobachtete, wurde der Kakao langsam kälter.
Das hatte Folgen.
Die Luftblase veränderte ihre Größe.
Sie wurde kleiner.
Lou beugte sich sofort näher heran.
Sein Planet schrumpfte.
Das gefiel ihm gar nicht.
Er beobachtete die Blase mit wachsender Besorgnis und begann, nach einer Erklärung zu suchen. Vielleicht verlor Cacaon seine Atmosphäre. Vielleicht wurde er von etwas im Kakao angezogen. Vielleicht bestand akute planetare Gefahr.
Astromaus sah, wohin seine Gedanken gingen, und versuchte vorsichtig, ihm zu erklären, dass Luftblasen in Flüssigkeiten nun einmal nicht ewig bestehen bleiben.
Lou hörte ihr zu, war aber nur halb überzeugt.
Die Blase wurde noch kleiner.
Der dunkle Fleck bewegte sich immer näher heran.
Lou beobachtete beide.
Dann passierte es.
Krümel Eins berührte die Blase.
Für einen winzigen Moment sah es so aus, als würde der kleine Fleck direkt auf den Planeten zufliegen.
Dann platzte die Luftblase.
Cacaon war verschwunden.
Lou erstarrte.
Er sah auf die Stelle, an der sein Planet gerade noch gewesen war.
Dann auf Astromaus.
Astromaus erkannte sofort, dass Lou jetzt vermutlich mindestens drei neue Theorien entwickeln würde.
Und genau das geschah.
Zunächst hielt er eine Kollision für möglich.
Dann dachte er über ein Schwarzes Loch nach.
Anschließend kam ihm die Idee, dass Cacaon vielleicht einfach in eine andere Dimension verschwunden sei.
Astromaus ließ ihn eine Weile überlegen, bevor sie ihm erklärte, dass die Wahrheit vermutlich weniger dramatisch war. Die Blase bestand nur aus Luft, die sich an der Oberfläche gesammelt hatte. Irgendwann war die dünne Flüssigkeitshaut instabil geworden, und die Blase war geplatzt.
Lou sah enttäuscht aus.
Sein Planet war also nie ein Planet gewesen.
Astromaus fand, dass das überhaupt nicht schlimm war.
Denn Lou hatte etwas getan, das Wissenschaftler ebenfalls taten. Er hatte etwas beobachtet, sich Fragen gestellt, eine Vermutung entwickelt und dann gesehen, ob diese Vermutung zu dem passte, was tatsächlich geschah.
Der Unterschied bestand nur darin, dass Wissenschaftler ihre neuen Planeten normalerweise nicht anschließend austranken.
Dieser Gedanke brachte Lou wieder zum Lachen.
Er sah in die Tasse.
Der Kakao war inzwischen fast kalt.
Er nahm einen großen Schluck.
Astromaus fragte, ob Cacaon damit nun endgültig verschwunden sei.
Lou dachte kurz nach und erklärte, dass er sich vermutlich jetzt in einer sehr dunklen Region befinde.
Astromaus wollte wissen, welche Region er meinte.
Lou klopfte sich auf den Bauch.
Damit war selbst Astromaus sprachlos.
Für ungefähr zwei Sekunden.
Dann musste sie so laut lachen, dass Lou ebenfalls anfing.
Später am Vormittag hing Lou seine Zeichnung an die kleine Pinnwand in der Sternwarte. Unter den Kreis mit dem Punkt schrieb er noch einen Zusatz: „Cacaon – erster Planet, der nur bis zum Frühstück existierte.“
Astromaus ergänzte darunter: „Entdeckung nicht bestätigt.“
Lou setzte daneben: „Aber sehr lecker.“
Von diesem Tag an untersuchte Lou seinen Kakao regelmäßig auf astronomische Auffälligkeiten.
Manchmal entdeckte er Kontinente im Milchschaum.
Manchmal einen Nebel aus Kakaopulver.
Einmal war er überzeugt, einen ganzen Asteroidengürtel gefunden zu haben, bis Astromaus bemerkte, dass es sich um kleine Stückchen eines Kekses handelte, der beim Frühstück in die Tasse gefallen war.
Lou störte das nicht.
Er fand sogar, dass Astronomie am Frühstückstisch einen großen Vorteil hatte.
Wenn eine Entdeckung sich am Ende als falsch herausstellte, konnte man sie wenigstens meistens aufessen.
Und Astromaus musste ihm in diesem Punkt tatsächlich recht geben.



