Lou und der verschwundene Mondkeks

Astromaus & Lou – Lou und der verschwundene Mondkeks

In der Sternwarte roch es an diesem Nachmittag nach Vanille, Butter und einem Hauch Kakao. Astromaus hatte beschlossen, dass ein langer Beobachtungsabend ohne etwas Besonderes zu essen eigentlich gar kein richtiger Beobachtungsabend sei. Also hatte sie sich in die kleine Küche zurückgezogen und Mondkekse gebacken. Manche waren rund wie ein Vollmond, andere schmal wie eine Sichel, und einer war beim Ausstechen so schief geraten, dass Lou überzeugt war, er sehe aus wie eine Kartoffel. Astromaus ließ sich davon nicht beeindrucken. Sie erklärte kurzerhand, dass es irgendwo im Universum ganz bestimmt einen kartoffelförmigen Mond gebe und man ihn eben nur noch nicht entdeckt habe. Lou fand das überzeugend genug und beschäftigte sich lieber mit dem wirklich wichtigen Teil des Nachmittags: dem großen Vollmondkeks auf dem blauen Teller.

Dieser Keks war größer als alle anderen. Astromaus hatte kleine Kakaopunkte daraufgesetzt, damit er ein bisschen wie die dunklen Ebenen des Mondes aussah, und mit Zuckerglasur einige Krater angedeutet. Er war eigentlich viel zu schön zum Essen. Lou sah ihn trotzdem so an, wie man Dinge ansieht, die man auf keinen Fall essen darf und deshalb besonders dringend essen möchte. Astromaus bemerkte das natürlich. Sie erklärte ihm, dass der Vollmondkeks für den Abend bestimmt sei. Später, wenn sie gemeinsam durch das Teleskop den Mond beobachten würden, wollten sie ihn teilen. Lou war mit dieser Regel einverstanden, fragte aber sicherheitshalber, ob man beim Teilen ein Lineal benutzen würde, damit wirklich niemand benachteiligt werde. Astromaus antwortete nicht, sondern stellte den Teller auf ein Regal und meinte nur, dort sei der Keks sicher.

Das war rückblickend vielleicht das falsche Wort.

Wenig später ging Astromaus nach draußen, um die Abdeckung des kleinen Teleskops zu überprüfen. Lou blieb allein zurück. Er saß am Tisch, vor sich eine Sternkarte, und wollte sich ernsthaft mit dem Großen Wagen beschäftigen. Das gelang ihm ungefähr eine halbe Minute lang. Dann wanderte sein Blick zum Regal. Der Vollmondkeks lag noch da. Lou blickte wieder auf die Sternkarte, fand den Polarstern, suchte Kassiopeia und bemerkte einen braunen Fleck am Rand des Papiers. Für einen kurzen Moment fragte er sich, ob das vielleicht eine gedruckte Galaxie sei. Dann fiel ihm ein, dass dort am Morgen sein Frühstück gelegen hatte, und er beschloss, die Sache nicht weiter zu untersuchen.

Sein Blick wanderte erneut zum Keks.

Natürlich wollte Lou ihn nicht essen. Er wollte nur überprüfen, ob der Teller wirklich sicher stand. Das war schließlich wichtig. Ein Teller konnte kippen, ein Regal konnte schief sein, vielleicht kam plötzlich ein Windstoß durch die Tür, vielleicht würde Astromaus hereinstürmen, vielleicht gab es ein kleines Erdbeben. Es wäre geradezu unverantwortlich gewesen, den Keks nicht wenigstens kurz zu kontrollieren.

Lou stand auf, ging zum Regal und stellte fest, dass der Teller vollkommen gerade stand. Der Keks ebenfalls, soweit ein Keks überhaupt gerade stehen konnte. Lou beugte sich ein wenig näher heran. Nur um die Kakaokrater zu betrachten, sagte er sich. Das war wissenschaftlich. Wer einen Mondkeks korrekt beurteilen wollte, musste schließlich genau hinsehen.

Dann roch er ihn.

Vanille. Butter. Kakao.

Lou atmete tief ein. Der Keks roch sogar besser als vorher. Er setzte sich wieder einen kleinen Schritt zurück und sagte leise, dass er stärker sei als ein Keks. Der Keks antwortete nicht. Lou nahm das als Zustimmung.

In diesem Moment rief Astromaus von draußen nach ihm. Lou drehte sich um, um zu antworten, und streifte mit dem Schwanz das Regal. Der blaue Teller wackelte. Lou hörte das leise Klappern, drehte sich zurück und sah gerade noch, wie der Vollmondkeks zu rutschen begann. Erst nur ein winziges Stück, dann schneller. Für Lou sah es aus, als würde der Mond seine Umlaufbahn verlassen und direkt auf eine Katastrophe zusteuern.

Er sprang nach vorne.

Was danach geschah, konnte Lou später selbst nicht mehr überzeugend erklären. Vielleicht war es Panik, vielleicht ein Reflex, vielleicht der Beginn einer neuen wissenschaftlichen Methode. Jedenfalls öffnete er den Mund.

Der Keks fiel genau hinein.

Für einen Moment stand Lou regungslos da. Die Hälfte des Vollmondkekses ragte noch aus seinem Maul. In diesem Augenblick war ihm völlig klar, dass ein Hund, der behaupten wollte, nichts mit einem verschwundenen Keks zu tun zu haben, vermutlich keine halbe Mondlandschaft zwischen den Zähnen tragen sollte.

Dann hörte er Schritte.

Astromaus kam zurück.

Lou schluckte.

Der Mond war verschwunden.

Astromaus blieb in der Tür stehen und betrachtete zunächst Lou, dann den leeren Teller und schließlich wieder Lou. Lou setzte sich hin und versuchte, so auszusehen wie jemand, der mit dieser ganzen Angelegenheit überhaupt nichts zu tun hatte. Das hätte vielleicht funktioniert, wenn nicht genau in diesem Moment ein kleiner Krümel von seiner Schnauze auf den Boden gefallen wäre.

Astromaus sah den Krümel. Lou sah den Krümel ebenfalls.

Noch bevor einer von beiden etwas sagen konnte, fiel ein zweiter herunter.

Astromaus ging langsam zum Regal, betrachtete den leeren Teller und fragte Lou, ob ihm zufällig aufgefallen sei, dass der große Vollmondkeks nicht mehr da sei. Lou erklärte mit möglichst ernster Stimme, dass das Universum voller Rätsel sei und man bei ungeklärten Ereignissen nicht zu früh urteilen dürfe.

Astromaus presste die Lippen zusammen.

Lou merkte, dass seine Erklärung noch nicht wissenschaftlich genug war. Deshalb erläuterte er, dass die Schwerkraft Gegenstände nach unten ziehe und der Keks offensichtlich einem unglücklichen physikalischen Vorgang zum Opfer gefallen sei. Astromaus fragte, ob er gerade ernsthaft versuche, der Schwerkraft die Schuld daran zu geben, dass ein kompletter Keks in seinem Bauch gelandet sei. Lou fand diese Formulierung etwas hart. Schließlich sei der Keks tatsächlich gefallen. Sein Mund habe sich nur zufällig genau an der richtigen, oder vielleicht eher falschen Stelle befunden.

Damit war es um Astromaus geschehen. Sie begann zu lachen, erst leise, dann so sehr, dass sie sich am Tisch festhalten musste. Lou versuchte noch einige Sekunden, sein ernstes Gesicht beizubehalten, aber irgendwann musste auch er lachen. Je länger er über seine eigene Erklärung nachdachte, desto klarer wurde ihm, dass „die Schwerkraft war schuld“ vermutlich selbst für einen besonders geduldigen Wissenschaftler keine überzeugende Verteidigung war.

Als beide sich wieder beruhigt hatten, wurde Lou ein wenig stiller. Er wusste, dass der verschwundene Keks eigentlich gar nicht das Problem war. Viel wichtiger war, dass er versucht hatte, so zu tun, als wisse er von nichts. Astromaus setzte sich neben ihn und erklärte ihm, dass man auch dann die Wahrheit sagen müsse, wenn ein Vollmondkeks auf besonders ungewöhnliche Weise verschwunden sei. Lou nickte und gab zu, dass er den Keks tatsächlich nicht hatte essen wollen. Astromaus glaubte ihm das sogar, denn ein geplanter Keksdiebstahl hätte vermutlich weniger Krümel auf Lous Gesicht hinterlassen.

Zum Glück war noch Teig übrig.

Also beschlossen sie, einen neuen Vollmondkeks zu backen. Astromaus rollte den Teig aus, während Lou die Formen ausstechen durfte. Der erste Keks wurde perfekt rund, der zweite ebenfalls. Beim dritten rutschte Lou mit der Form ab, sodass das Ergebnis aussah wie eine Mischung aus Socke, Kartoffel und sehr müdem Halbmond. Astromaus sah den Keks an und fragte, was das sein solle. Lou erklärte feierlich, sie hätten gerade einen neuen Mond entdeckt. Er nannte ihn Sockonia.

Astromaus fragte, welchen Planeten Sockonia umkreise. Lou musste nur kurz überlegen und erklärte dann, Sockonia gehöre zum weit entfernten Planeten Keksus.

Wie weit Keksus entfernt sei, wollte Astromaus wissen. Lou deutete zum Backofen.

Ungefähr so weit.

Während die neuen Kekse im Ofen waren, gingen beide nach draußen und bereiteten den Beobachtungsplatz für den Abend vor. Astromaus legte die Sternkarten bereit, Lou richtete das Teleskop aus und brachte zwei Becher Kakao. Astromaus sah den Kakao an, dann die Sternkarten und schließlich wieder Lou. Lou verstand sofort und stellte die Becher auf einen anderen Tisch. Mit Getränken und Sternkarten hatten die beiden bereits genug Erfahrungen gesammelt.

Als es dunkel wurde, öffneten sie die Kuppel der Sternwarte. Der Himmel war klar, und der Mond stand hell über den Bäumen. Sein Licht legte sich silbrig über die Wiese, während in der Sternwarte nur die kleinen roten Lampen brannten. Lou durfte zuerst durch das Teleskop sehen. Er betrachtete Krater, dunkle Ebenen und helle Gebiete und vergaß dabei für eine ganze Weile sogar, dass auf dem kleinen Tisch neben ihm wieder ein großer Vollmondkeks lag.

Astromaus beobachtete ihn und musste lächeln. Wenn Lou etwas wirklich spannend fand, konnte er so still werden, dass man fast vergessen konnte, wie viel Unsinn er sonst an einem einzigen Nachmittag zustande brachte.

Später wechselten sie die Plätze. Nun schaute Astromaus durch das Teleskop, während Lou neben dem Tisch saß. Der neue Vollmondkeks lag direkt vor ihm. Er roch genauso gut wie der erste. Vielleicht sogar besser.

Lou sah zum Keks, dann hinauf zum echten Mond und wieder zurück.

Diesmal blieb er sitzen.

Astromaus bemerkte es aus dem Augenwinkel und fragte, ob alles in Ordnung sei. Lou erklärte, er trainiere gerade seine Selbstbeherrschung. Astromaus lobte ihn dafür, was die Situation für Lou keineswegs einfacher machte. Jetzt musste er nicht nur einem Keks widerstehen, sondern dabei auch noch würdevoll aussehen.

Zum Glück dauerte es nicht mehr lange. Nachdem beide den Mond ausgiebig beobachtet hatten, setzte sich Astromaus zu Lou und nahm den Keks vom Teller. Sie brach ihn vorsichtig in zwei Hälften und legte eine vor Lou.

Lou betrachtete die beiden Stücke.

Dann schob er sie nebeneinander.

Dann ein kleines bisschen näher.

Dann noch ein kleines bisschen näher.

Astromaus wusste genau, was in seinem Kopf vorging. „Sag es nicht“, meinte sie.

Lou versuchte tapfer, zu schweigen, schaffte es aber nur wenige Sekunden. Seine Hälfte sei vielleicht, rein wissenschaftlich betrachtet, ein kleines bisschen kleiner.

Astromaus nahm beide Stücke, vertauschte sie und gab Lou das andere.

Lou betrachtete sie erneut und musste grinsen.

Jetzt war plötzlich Astromaus’ Hälfte kleiner.

Er dachte kurz darüber nach, brach von seinem Stück ein kleines Eck ab und legte es zu ihr. Nun waren beide ungefähr gleich groß.

Zumindest solange niemand auf die Idee kam, ein Lineal zu holen.

Gemeinsam aßen sie ihre Mondkekse und saßen noch lange vor der Sternwarte. Über ihnen stand der echte Mond vollkommen ruhig am Himmel. Lou sah hinauf und meinte schließlich, der Mond könne eigentlich froh sein, dass Astromaus keine echten Monde backen könne. Astromaus wollte wissen, warum, und Lou erklärte, dass sonst irgendwann einer herunterfallen könnte.

Astromaus sah ihn an. Lou sah zurück. Dann mussten beide lachen.

Später, als sie die Tassen und Teller zurück in die Sternwarte brachten, entdeckte Astromaus noch einen kleinen Krümel an Lous Schnauze. Sie zeigte darauf, und Lou leckte ihn schnell weg. Diesmal versuchte er gar nicht erst, die Schwerkraft verantwortlich zu machen.

Er erklärte nur, dass Beweismittel ordentlich beseitigt werden müssten.

Astromaus lachte wieder.

Und so endete der Fall des verschwundenen Mondkekses schließlich doch noch friedlich.

Bis zum nächsten Backtag.

Denn Astromaus hatte bereits eine neue Idee. Marskekse.

Lou fand, dass man zur Sicherheit diesmal besser gleich doppelt so viele backen sollte.

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