Lou will den Mond fotografieren

Astromaus & Lou – Lou will den Mond fotografieren

Lou hatte sich schon seit Tagen vorgenommen, ein richtig gutes Foto vom Mond zu machen. Nicht irgendein Foto, auf dem der Mond wie ein heller Fleck aussah, sondern eines, auf dem man Krater, dunkle Ebenen und vielleicht sogar einzelne große Strukturen erkennen konnte. Seit Astromaus ihm erklärt hatte, dass man mit einer Kamera und dem Teleskop viel mehr festhalten konnte als nur einen weißen Punkt am Himmel, war Lou überzeugt davon, dass heute der perfekte Abend dafür sein musste. Der Himmel war klar, die Luft ungewöhnlich ruhig und über der Sternwarte stand ein fast voller Mond, der so hell leuchtete, dass selbst die Wiese ein wenig silbrig schimmerte.

Astromaus hatte das Teleskop bereits vorbereitet, die Montierung ausgerichtet und die Kamera befestigt. Lou dagegen war damit beschäftigt, die Speicherkarte zu kontrollieren, den Auslöser zu suchen und mindestens dreimal zu überprüfen, ob der Objektivdeckel wirklich abgenommen war. Beim letzten Versuch, etwas zu fotografieren, hatte er nämlich eine erstaunlich scharfe Aufnahme von genau diesem Deckel gemacht. Astromaus hatte das Bild später mit großer Freude „Schwarzes Loch aus nächster Nähe“ genannt, was Lou bis heute nicht besonders komisch fand.

Diesmal sollte alles besser werden. Lou setzte sich sehr konzentriert vor den kleinen Monitor, auf dem das Kamerabild erschien. Der Mond stand groß und deutlich im Bild, und Lou war sofort begeistert. Er konnte sogar erkennen, dass die Oberfläche nicht glatt war, sondern voller heller und dunkler Bereiche lag. Astromaus justierte noch ein wenig die Schärfe, während Lou bereits so zufrieden aussah, als hätte er das Foto seines Lebens gemacht.

Ganz so einfach war es allerdings nicht.

Schon nach wenigen Minuten stellte Lou fest, dass der Mond auf dem Bildschirm langsam wanderte. Astromaus erinnerte ihn daran, dass sich die Erde dreht und deshalb der Himmel scheinbar weiterzieht. Eigentlich wusste Lou das längst, doch in diesem Moment fand er es ausgesprochen unpraktisch. Ein Mond, der fotografiert werden wollte, konnte seiner Meinung nach wenigstens für ein paar Sekunden stillhalten.

Astromaus stellte die Nachführung ein, sodass das Teleskop die Bewegung ausglich. Lou beobachtete fasziniert, wie der Mond nun fast ruhig in der Bildmitte blieb. Jetzt musste er nur noch auf den richtigen Moment warten und den Auslöser drücken.

Genau darin lag das Problem.

Lou nahm das Warten sehr ernst. So ernst, dass er den Auslöser mit der Pfote umklammerte und kaum noch blinzelte. Jede kleine Veränderung schien ihm wichtig. Wenn ein winziger Schleier vor dem Mond vorbeizog, wartete er. Wenn eine leichte Luftunruhe das Bild ein wenig flimmern ließ, wartete er. Wenn Astromaus meinte, dass der Mond jetzt eigentlich perfekt aussah, wartete Lou trotzdem noch, weil er überzeugt war, dass es bestimmt noch perfekter ging.

Astromaus setzte sich schließlich neben ihn und ließ ihn machen. Sie kannte diesen Blick inzwischen gut. Wenn Lou einmal beschlossen hatte, etwas besonders ordentlich zu erledigen, konnte daraus entweder etwas Großartiges werden oder eine erstaunlich komplizierte Katastrophe.

An diesem Abend wurde es die zweite Möglichkeit.

Während Lou auf den perfekten Augenblick wartete, flatterte draußen ein kleiner Nachtfalter um die Lampe neben der Sternwarte. Das Tier flog ein paar Kreise, setzte sich kurz auf das Geländer und verschwand wieder. Lou bemerkte davon nichts. Für ihn bestand die ganze Welt in diesem Moment aus dem Mond auf dem Monitor und seiner Pfote auf dem Auslöser.

Dann geschah plötzlich alles gleichzeitig.

Astromaus wollte gerade etwas am Teleskop kontrollieren und beugte sich von der Seite nach vorne. Im selben Moment flog der Nachtfalter direkt vor das Teleskop. Lou glaubte, der Mond sei für einen Augenblick besonders scharf geworden, und drückte begeistert auf den Auslöser.

Die Kamera machte das Foto.

Lou strahlte.

Astromaus richtete sich wieder auf.

Gemeinsam sahen sie auf den Bildschirm.

Der Mond war nicht darauf.

Stattdessen zeigte das Bild einen unscharfen, riesigen Schatten, zwei helle Flecken, etwas Flauschiges am Rand und mitten im Bild eine Form, die aussah wie ein außerirdisches Monster mit Flügeln.

Lou starrte lange darauf.

Astromaus ebenfalls.

Je länger beide hinsahen, desto merkwürdiger wurde das Bild.

Lou war zunächst überzeugt, dass sie möglicherweise etwas sehr Seltenes fotografiert hatten. Vielleicht einen unbekannten Himmelskörper, vielleicht sogar etwas, das zufällig genau in diesem Moment am Mond vorbeigeflogen war. Astromaus sah das skeptischer. Sie vergrößerte das Bild und erkannte ziemlich schnell, dass der riesige dunkle Fleck keine fremde Welt war.

Es war Lous Ohr.

Der Nachtfalter hatte genau in dem Moment vor dem Teleskop vorbeigeflattert, als Lou sich ein Stück zu weit nach vorne gebeugt hatte. Von Astromaus war am rechten Bildrand außerdem ein kleiner Teil ihrer roten Kapuze zu sehen. Aus dem vermeintlichen kosmischen Rätsel wurde also innerhalb weniger Sekunden ein Foto von Lous Ohr, einem Nachtfalter und einem Stück Astromaus.

Lou betrachtete das Ergebnis noch immer ernst.

Astromaus begann zu lachen.

Je länger sie lachte, desto mehr musste Lou schließlich selbst lachen. Das Bild sah tatsächlich vollkommen absurd aus. Sein Ohr nahm fast die Hälfte des Fotos ein und wirkte durch die Vergrößerung so riesig, dass man meinen konnte, ein gigantischer Weltraumhund sei gerade am Mond vorbeigeschwommen.

Lou war trotzdem noch nicht bereit aufzugeben. Ein missglücktes Foto sagte schließlich nichts darüber aus, ob das nächste besser werden würde. Also richteten sie alles erneut aus. Astromaus kontrollierte die Schärfe, Lou setzte sich wieder vor den Monitor und diesmal achteten beide darauf, dass kein Ohr, keine Kapuze und möglichst auch kein Nachtfalter mehr in die Nähe der Kamera kamen.

Der Mond stand wieder ruhig im Bild.

Lou wartete.

Astromaus wartete mit.

Diesmal drückte Lou etwas früher ab.

Das zweite Foto erschien.

Darauf war tatsächlich der Mond zu sehen.

Allerdings nicht allein.

Mitten durch die Aufnahme zog eine helle, unscharfe Linie.

Lou wurde sofort nervös. Wieder etwas Unbekanntes.

Astromaus sah genauer hin und erkannte, dass während der Aufnahme ein Flugzeug durch das Bild geflogen war. Durch die Belichtungszeit hatte es eine Lichtspur hinterlassen, die jetzt quer über den Mond lief.

Lou fand das unfair. Erst sein Ohr, dann ein Flugzeug. Wenn das so weiterging, würde beim nächsten Versuch wahrscheinlich ein Satellit, eine Wolke oder ein besonders neugieriger Vogel direkt durchs Bild fliegen.

Astromaus musste wieder lachen, aber diesmal hielt Lou sich nicht lange mit Ärger auf. Er begann vielmehr, die misslungenen Fotos interessant zu finden. Das erste war eindeutig das Bild vom „Weltraumohr“, das zweite könnte man „Mond mit Flugverkehr“ nennen. Langsam entstand eine kleine Sammlung, die zwar nicht besonders astronomisch wertvoll war, dafür aber immer lustiger wurde.

Natürlich wollte Lou trotzdem noch ein wirklich schönes Mondfoto schaffen.

Also versuchten sie es noch einmal.

Der dritte Versuch sah zunächst perfekt aus. Der Mond stand scharf in der Mitte, keine Wolke störte, kein Falter flog vorbei, und Lou hielt diesmal sogar einen Sicherheitsabstand von fast einem halben Meter zum Teleskop ein. Astromaus kontrollierte alles und gab ihm ein Zeichen.

Lou drückte den Auslöser.

Im selben Moment nieste Astromaus.

Nicht besonders laut, aber überraschend genug, dass Lou zusammenzuckte.

Die Kamera wackelte minimal.

Das Foto zeigte den Mond, allerdings doppelt.

Lou sah auf den Bildschirm und überlegte ernsthaft, ob die Erde über Nacht einen zweiten Mond bekommen hatte. Astromaus musste sich erneut das Lachen verkneifen und erklärte, dass sie diesmal nur verwackelt hatten.

Nun begann Lou, die Sache persönlich zu nehmen.

Er setzte sich hin, atmete tief durch und nahm sich vor, beim nächsten Versuch absolut nichts mehr dem Zufall zu überlassen. Astromaus half ihm, die Kamera erneut auszurichten. Beide kontrollierten die Umgebung, schalteten die Lampe neben der Sternwarte aus, warteten, bis kein Flugzeug mehr in der Nähe war, und überprüften sogar, ob irgendwo ein Nachtfalter zu sehen war.

Dann war alles bereit.

Lou hob vorsichtig die Pfote.

Astromaus hielt sich diesmal so weit zurück, dass weder Kapuze noch Nase ins Bild geraten konnten.

Der Mond stand perfekt.

Lou drückte ab.

Auf dem Bildschirm erschien ein klares, scharfes Foto.

Krater waren zu erkennen, dunkle Ebenen, helle Bereiche und die unregelmäßige Oberfläche. Genau so hatte Lou es sich vorgestellt.

Er war so begeistert, dass er beinahe aufsprang und dabei fast wieder gegen das Teleskop gestoßen wäre. Astromaus zog ihn im letzten Moment zurück und erinnerte ihn daran, dass große astronomische Erfolge besonders vorsichtig gefeiert werden sollten.

Lou betrachtete das Foto immer wieder. Zwischen all den misslungenen Bildern war nun endlich eines dabei, auf das er richtig stolz sein konnte.

Später gingen Astromaus und Lou alle Aufnahmen noch einmal gemeinsam durch. Das gute Mondfoto kam natürlich ganz nach vorne. Direkt dahinter blieb aber auch das Bild vom riesigen Weltraumohr gespeichert, gefolgt vom Mond mit Flugzeugspur und dem doppelt verwackelten Mond.

Astromaus fand, dass man die schlechten Bilder nicht löschen sollte. Sie erzählten schließlich auch etwas darüber, wie Fotografieren wirklich funktionierte. Nicht jeder Versuch gelang sofort, manchmal musste man warten, Fehler machen, neu einstellen und es noch einmal probieren.

Lou gefiel dieser Gedanke.

Noch mehr gefiel ihm allerdings die Vorstellung, das Bild seines riesigen Ohres auszudrucken und in der Sternwarte aufzuhängen.

Am nächsten Morgen hing tatsächlich ein Ausdruck neben dem Schreibtisch. Darunter hatte Astromaus ein kleines Schild befestigt.

Darauf stand:

„Lou entdeckt den größten Mond des Universums.“

Lou betrachtete das Schild lange.

Dann sah er auf das Foto.

Dann wieder auf das Schild.

Er wusste natürlich genau, dass Astromaus ihn damit ein bisschen aufzog.

Aber insgeheim fand er es großartig.

Denn sein echtes Mondfoto war schön geworden.

Das Foto mit dem Ohr dagegen war unvergesslich.

Und wenn Lou später jemandem erzählte, wie schwierig Astrofotografie manchmal sein konnte, zeigte er meistens zuerst genau dieses Bild. Nicht weil es besonders gut war, sondern weil jeder, der es sah, sofort lachen musste.

Und Lou hatte inzwischen verstanden, dass ein perfektes Foto zwar wunderschön war.

Ein vollkommen misslungenes konnte manchmal aber die viel bessere Geschichte erzählen.

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